Samstag, 16. April 2011

Seit wann tragen Mädchen Rosa und Jungen Blau?

Die Vorliebe kleiner Mädchen für die Farbe Rosa gilt heutzutage als naturgegeben und selbstverständlich. Als unsere Tochter 2007 geboren wurde, schenkte ihr eine Freundin einen Beißring mit einem rosa gestreiften Stofflappen dran und kommentierte das im beiliegenden Brief: "Mädchen lieben Rosa. Das war immer so und wird immer so bleiben."

Nichts könnte falscher sein.

Denn jahrhundertelang war Rosa im westlichen Kulturkreis die Farbe der kleinen Jungen, und Blau, das heute den Jungen vorbehalten ist, war die Farbe der kleinen Mädchen. Rosa wurde auch das "kleine Rot" genannt, und weil Rot als Signalfarbe der Männlichkeit galt, ordnete man Rosa folgerichtig den Knaben zu.  Mädchen zog man blau an, weil Blau die Farbe der Jungfrau Maria war. Dem widerspricht zwar eine Stelle in Balzacs Roman "Verlorene Illusionen", wo es über die Angoulêmer Provinzschönheit Madame de Bargeton irgendwo heißt, sie sei noch nicht zu alt, um Rosa zu tragen - ein deutlicher Hinweis darauf, das die Farbe zu Beginn des 19. Jahrhunderts schon einmal für junge Mädchen in Mode gewesen sein muss.

Doch in ihrem Standardwerk "Wie Farben wirken" nennt die 2008 gestorbene Eva Heller zahlreiche Gemälde von der Renaissance bis zu einem Familienbild Königin Victorias, auf denen die Zuordnung noch ganz klar ist: Das Jesuskind und andere Knaben tragen Rosa, die Mädchen hellblau. Dazu passt, dass die ersten Trikots des 1897 gegründeten Fußballvereins Juventus Turin  rosa waren (hier auf 1898-1905 klicken). Seit Anfang der Nullerjahre dieses Jahrtausends für erwachsene Männer Rosa akzeptabel wurde, sieht man die Turiner Spieler sogar wieder häufiger im Look der frühen Jahre.

Die allererste Mannschaft von Juventus Turin 1898 mit nachkolorierten rosa Trikots


Laut Heller setzte sich die Sitte, männliche Babys hellblau und weibliche rosa zu kleiden, erst in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts durch. Die alte religiöse Farbsymbolik war verblasst, und weil Matrosen und Industriearbeiter es trugen, wurde Blau seit etwa 1900 allmählich mehr und mehr mit erwachsener Männlichkeit assoziiert. Nur in erzkatholischen Gegenden habe sich die traditionelle Babykleidung bis in die Sechzigerjahre gehalten.Heller konnte ihre These darüber, wann genau diese Umwertung der Farben stattgefunden hat, allerdings nicht konkret belegen.

Das kann dafür jetzt Jo B. Paoletti, Historikerin an der Universität Maryland und Autorin des demnächst erscheinenden Buchs "Pink and Blue: Telling the Girls From the Boys in America". Dem Magazin der Smithsonian Museen sagte sie, jahrhundertelang hätten kleine Kinder beiderlei Geschlechter im Alltag meist weiße Baumwolle getragen, weil das am praktischsten und leichtesten zu bleichen war. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wären dann blau und rosa für Babywäsche im Angebot gewesen - neben anderen Pastellfarben und noch ohne, dass die Farben die Geschlechtszugehörigkeit definiert hätten. Erst unmittelbar vor dem 1. Weltkrieg wurden erstmals Rosa für Mädchen und Blau für Jungen empfohlen, aber auch dann habe es laut Paoletti noch sehr lange gedauert, bis sich diese farbliche Festlegung auch wirklich durchgesetzt habe.

So schrieb das "Ladies’ Home Journal" noch im Jahre 1918: "Die allgemein akzeptierte Regel ist Rosa für Jungen und Blau für die Mädchen. Der Grund dafür ist, dass Rosa als eine entschlossenere und kräftigere Farbe besser zu Jungen passt, während Blau, weil es delikater und anmutiger ist, bei Mädchen hübscher aussieht." 1927 druckte das "Time Magazine" eine Tabelle mit den Empfehlungen großer Kaufhäuser für geschlechts-angemessene Farben. Geschäfte aus New York, Boston, Cleveland und Chicago empfahlen immer noch Rosa für Jungen und Blau für Mädchen.

Die heutige Festlegung habe sich nicht vor den Vierzigerjahren durchgesetzt, sagt Professorin Paoletti, und sie sei entstanden, weil große Kleiderhersteller und Warenhausketten glaubten, damit auf Kundenwünsche einzugehen. Doch diese Wünsche waren lange schwankend. Paoletti meint: "Es hätte auch umgekehrt kommen können." In ihrem Buch beschreibt sie auch, dass mit dem Aufkommen des Feminismus in den Sechziger- und Siebzigerjahren die Festlegung auf Rosa für Mädchen wieder ein wenig abgeschwächt worden sei. Doch dann sei es in den Achtzigerjahren - als ihre eigenen Kinder geboren wurden -  richtig schlimm geworden. Das deckt sich mit meinen Erinnerungen, dass in meiner eigenen  Kindheit in den Sechzigerjahren und auch noch in den Siebzigern nicht so viel Gewese um Rosa oder Blau gemacht wurde.

Die US-Professorin nennt zwei Gründe für den endgültigen Sieg der Rosa-Blau-Festlegung: Erstens wüssten Eltern heute bereits vor der Geburt, ob ihr Kind ein Junge oder Mädchen sei - und die Kinderkleidungshersteller würden die Chance nutzen, ihnen  "angemessene" Kleidung zu verkaufen. Denn - so Paoletti - "je individueller die Kleidung für ein Kind ist, desto mehr kann man verkaufen." Zweitens seien Kinder schon im frühen Alter von der Werbung und von Rollenbildern im Fernsehen oder Bilderbüchern beeinflusst - als deutscher Vater, dessen dreijähriger Tochter sich schon den Lillifee-Virus eingefangen hat, kann ich das nur bestätigen.

Mit weiteren Aspekten der Farbe Rosa habe ich mich übrigens 2004 anlässlich der damaligen Modewelle der rosa Herrenhemden und Krawatten beschäftigt: "Rosa Kavaliere auf dem Vormarsch" (Welt vom 20. Juli 2004).


Kommentare:

  1. Danke, interessant zu erfahren, dass das mit Rosa und Blau nicht schon immer so war.

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  2. Hier ein interessantes Stück aus dem Guardian zum gleichen Thema mit ein paar zusätzlichen Informationen:
    http://www.guardian.co.uk/society/2011/jun/19/peggy-orenstein-pink-conspiracy-cinderella

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