Dienstag, 8. März 2011

Proletariatsflucht

Das bisschen Proletariat, das ich brauche, bin ich selbst.

Nie habe ich den in meinen Kreisen (Akademiker, Künstler, Journalisten, Bürgerkinder allesamt) bestehenden Hang, sich - z. B. in Kneipen oder im Stadion - mal für ein paar Stunden mit den einfachen Leuten gemein zu machen, verstehen können. Ich habe mein ganzes Leben hart gearbeitet, um diesem Milieu zu entkommen, denn ich weiß aus nächster Anschauung, dass dort Gewalt, Suff, Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und Misogynie zu Hause sind. Wenn das die echten Menschen sind, dann sind mir die falschen lieber. Von Natur aus ist jeder ein Faschist, zivilisiert sein, heißt, diesen Naturzustand überwunden zu haben.

Seitdem ich nach der 4. Klasse aufs Gymnasium gekommen bin, wollte ich die Distanz zum Proletariat stetig vergrößern. Wie alle Aufsteiger bin ich mitleidlos gegenüber Leuten, die unten geblieben sind. Als ich damals zur Oberschule wechselte, lästerten mir einige hinterher: "Nur Streber gehen aufs Gymnasium." An sie muss ich jetzt immer denken, wenn ich irgendwo lese, dass gering qualifizierte Menschen fast keine Chancen mehr auf dem Arbeitsmarkt haben. Gott möge ihnen gnädig sein, ich kann es leider nicht. Denn ich weiß zu gut, dass Armut und eine schlichte Herkunft nicht gut machen, sondern allzu häufig gemein.

Auch andere romantische Vorstellungen von den einfachen Leuten, die im 19. Jahrhundert noch galten, sind längst überholt. Die natürliche Schönheit ihrer Frauen, die sie früher, zumindest so lange sie jung waren, manchmal den gekünstelten Oberschichtpflanzen überlegen machte, exisitiert nicht mehr, weil sie sich schon mit zehn schminken, piercen, mondkratergroße Nikotinporen ins Gesicht rauchen und fett fressen bzw. saufen. Aus den Männern, die harte körperliche Plackerei zu proletarische Adonissen formte, sind längst deformierte Fitnessstudiomonster geworden. Die gesunde Gesichtsfarbe des Feldarbeiters ist dem bratwurstigen Brutzelbraun der Sonnenbänke gewichen. Und die einfachen Genüsse im Essen und Trinken, die man früher bei ihnen finden konnte, haben sie aufgegeben für den Industriefraß, der sie heute genauso so krank macht wie einst die mörderische Schufterei in den Minen und Manchester-Fabriken.

Beinahe hätte ich jetzt noch geschrieben: Und das bisschen Multikulti, das ich brauche, bin ich übrigens auch selbst. Aber das stimmt doch nicht so ganz.

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