Mittwoch, 16. März 2011

Gut, dass wir solche Angsthasen sind

Jetzt lästern sie wieder alle über die "German Angst". So nennt man an angeblich im Ausland, vornehmlich aber in deutschen Medien die hierzulande besonders ausgeprägte Eigenschaft, angesichts von Naturkatastrophen und Umweltphänomenen in Panik zu geraten. Während der Amerikaner, Brite oder Franzose, die Folgen von Fukushima kühl analysiert - so sagen sie -, tastet die Hand des Deutschen im Dunkeln seines Panikbunkers zitternd nach dem Sofort-Auschaltknopf für sämtliche Atomkraftwerke.

Doch einerseits habe ich den Verdacht, dass der angeblich englisch-amerikanische Begriff "German Angst" (nicht unbedingt das beschriebene Phänomen) in Wirklichkeit eine deutsche Erfindung ist - genauso wie die "Grande Nation", von der in Frankreich ja auch noch niemand etwas gehört hat. Andererseits gilt: Wenn diese "German Angst" wirklich existierte, dann wäre sie nur zu begrüßen. Denn Angst gehörte allzu lange nicht gerade zu herausragenden Eigenschaften des deutschen Nationalcharakters. Unsere Volkseele war früher eher geprägt von Todesverachtung und Opferwillen. Und von der tief wurzelnden Überzeugung, dass die da oben schon wissen, was sie tun und immer das Wohl aller im Auge haben.

Früher haben die Deutschen ihren Monarchen und Politikern geglaubt, wenn die ihnen gesagt haben: "Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen", "Ich werde ein Tausendjähriges Reich gründen" oder "In Stalingrad hat es einen ganz unbedeutenden Störfall gegeben, den unsere Experten sofort beheben werden." Mit den bekannten Folgen. Hitler hätte ganz gewiss - wenn es  die Technologie schon damals gegeben hätte - die Deutschen davon überzeugen können, dass jede Berliner Mietskaserne ein eigenes Atomkraftwerk bräuchte. Als Wunderwaffe gegen die jüdische Energieverschwörung. Oder so.

Mit dieser Leichtgläubigkeit ist es nun scheinbar endgültig vorbei. Während die Japaner noch nach fünf Tagen des Abwiegelns und Vertuschens erklären: "Unsere Regierung versorgt uns regelmäßig mit authentischen Informationen, deshalb bin ich unbesorgt" (so ungefähr heute morgen eine junge Frau im ARD-Frühstückfernsehen), misstrauen die Deutschen ihren Politikern und erst recht den Vertretern der Atomindustrie mittlerweile mit einem geradezu revolutionären Furor. Die "German Angst" ist die etwas hysterische Kehrseite unserer Abkehr von der jahrhundertelang hierzulande verwurzelten Obrigkeitsfrömmigkeit. Sie ist unser nationaltypisches Gegenstück zur Bereitschaft der Franzosen, wegen jeder scheinbar vernünftigen Sparmaßnahme der Regierung zu streiken und zu rebellieren. Im Grunde zeugt beides von einem geradezu anarchistischen Misstrauen gegenüber dem Staat und seinen Kausalitätsbehauptungen. Deutsche gehen bloß nicht auf die Barrikaden, sie fassen sich bei Menschenketten an den Händen.

Das kann man kitschig und ein bisschen dumm finden, es ist immer noch rationaler als das Vertrauen in die Botschaften der politischen Sprechmaschinen, die immer nur wiederholen, man solle nicht in Panik geraten, alles sei unter Kontrolle. Denn was sollten die auch sonst sagen? Sätze wie "Ich rate Ihnen zu kopfloser Panik. Plündern, saufen und vögeln Sie noch ein bisschen! Wir wissen auch nicht mehr weiter", wird man vermutlich nicht mal fünf Minuten vor dem Weltuntergang hören.

Angesichts all dessen weiß ich nicht, was so verächtlich am historisch relativ jungen Phänomen der "German Angst" sein soll. Etwas mehr "German Angst" im August 1914 oder im September 1939 hätte der Welt manches erspart.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen