Dienstag, 1. März 2011

Der Adel als Trash - eine Prophezeiung aus dem Jahre 2004

Aus der "taz" vom 24. Oktober 2004:

Von Matthias Heine
Aus der Sicht von uns Bürgerlichen war der Adel immer schon eine Kaste von Prolos in Samt und Seide. Jedes Schloß war ein „Big Brother“-Container, in dem unfähige Nichtstuer sich dafür bezahlen ließen, daß man ihnen beim Verbluten zusehen durfte. Deshalb kann man die Abgaben an den Lehnsherren, die früher jeder Untertan entrichten mußte, getrost als eine Art frühe TV-Gebühr interpretieren.

Insofern sind die zyklisch für Skandal sorgenden Romanzen zwischen Fürsten und Angehörigen des Subproletariats - etwa neuerdings die Liaison zwischen Ferfried Prinz von Hohenzollern und der Luxuswitwe Tatjana Gsell - keineswegs ein empörender und widernatürlicher Verstoß gegen die strengen Heiratsregeln des Adelstandes, wie uns dessen aufgeregte Traditionsbewahrer einreden wollen. Derlei Paarungen liegen ganz in der Natur der Sache. Zwischen den beiden Schichten, die am Körper der produzierenden Klassen von oben und von unten schmarotzen, hat es schon immer einen regen Verkehr gegeben. Der sprichwörtliche adelige Hang zum Küchenpersonal ist nicht die Ausnahme, sondern die nur von Propaganda vernebelte Regel. Denn Gleich und Gleich gsellt sich gern.

Der einzige Unterschied zwischen gestern und heute ist der, daß der Adel vor den bürgerlichen Revolutionen mehr zu verlieren hatte. Um seine Privilegien zu rechtfertigen, mußte er seinen Nimbus einer blutsbedingten Besonderheit gegenüber dem Volk wahren. Deswegen riß man sich zusammen und achtete darauf, daß Mesalliancen nicht publik wurden und die angeblich gottgewollte Hierarchie in Frage stellten. Ein geiler König wie Ludwig I. von Bayern, der es mit der Tänzerin und Luxusprostituierten Lola Montez öffentlich so toll und so weit trieb, daß ihn Volksaufstände 1848 zur Abdankung zwangen, blieb die Ausnahme.

Übrigens auch ein Jurist: Foffi von Hohenzollern
Aber heute? Was riskiert schon Stephanie von Monaco - diese Serienliebhaberin von Zirkusdompteuren und Disko-Rausschmeißern - oder der boulevard-berüchtige „Prinz Lüstern“, der sich der verlassenen Hohenzollerngattin via „Bild“ als Tröster andiente? Den meisten Blaublütigen auf dem europäischen Festland sind zwischen 1789 und 1919 (als in Deutschland der Titel zum reinen Familienname wurde) ihre ererbten Privilegien abhanden gekommen. Geblieben ist nur der mehr oder weniger prominente Name.

Und den versuchen viele nun in ein bißchen Geld und Ruhm umzumünzen. Arme Adelige nahmen schon in den zwanziger Jahren das Konzept der „Celebrity“ vorweg. Sie brachten der Halbwelt bei, wie man verdienstfreie Prominenz vermarktet. Heute handeln die Zlatkos, Naddels und Stahnkes nach dem gleichen Geschäftsprinzip. Die gleichen bunten Blätter leben von der Entblößungsbereitschaft des Adels und der fernseh-geschaffenen Zelebritäten aus der Unterstschicht. Und es bewahrheitet sich ein soziologisches Gesetz: Handelspartner und Leute, die einer ähnlichen sozialen Sphäre angehören, paaren sich gerne. Was dem Trieb dient, stärkt obendrein die Position auf dem Markt der medialen Aufmerksamkeit: Ferfried und Tatjana oder ... Piep, zensiert ... und seine wechselnden Luder - immer sind es gewissermaßen zwei Ich-AGs, die durch eine Fusion ihren Wert an der Klatschbörse potenzieren. Besonders lustig ist es, wenn dann ein per Adoption geadelter Filour wie Frederic von Sachsen-Anhalt den medial vermittelten Blaublüter-Klischees viel mehr entspricht als die meisten seiner echt-adeligen Standesgenossen.

Es ist wohl kein Zufall, daß Adelige wie die Queen, die tatsächlich noch Amt, Würde und ein Vermögen riskieren, wenigstens versuchen, sich und ihre Brut zu disziplinieren. Aber bekanntlich gelingt es der alten Dame immer nur für kurze Zeit, ihre Sippschaft von neuen Peinlichkeiten abzuhalten. Dienstreisen, wie der Staatsbesuch in Deutschland nächste Woche, sind für Elizabeth ein willkommener Anlaß dem Familienfluch ererbter Unzurechnungsfähigkeit wenigstens für kurze Zeit zu entfliehen. Dieser Fluch läßt sich zurückführen bis zu jenem Urahn der Queen, den die Briten 1716 aus dem heute noch für seine besonders unzurechnungsfähigen Fürsten berüchtigten Hannover importierten: König Georg I. war ein fetter Versager, der seinen deutschen Mätressen englische Adelstitel zuschacherte. Sein Urenkel Georg III. war geisteskrank und provozierte durch seine dilettantische Politik den Abfall der amerikanischen Kolonien. Als das britische Königshaus 1917 seinen deutschen Familiennamen Sachsen-Coburg-Gotha patriotisch in Windsor änderte, hoffte man wohl auch die Erinnerung an derlei Schmach zu tilgen.

Doch die Schrott-Gene sind unbesiegbar. Je weiter die Royals von der Thronfolge entfernt sind, desto weniger Grund haben sie, sich zusammenzureißen und desto ungenierter lassen sie die Sau raus: Das galt für Charles’ Bruder Prinz Andrew („Randy Andy“), der in den Achtzigern u. a. mit dem Pornostarlet Koo Stark kopulierte und bis heute als Patenonkel ihres Kindes mit jener Busen-Queen verkumpelt ist. Und das gilt neuerdings für den jungen Harry, den die jüngsten Paparazzi-Fotos als rotgesichtiges Urbild des saufenden, gewalttätigen britischen Lads zeigen: Er soll beim ohnehin nicht besonders glanzvollen Abitur auch noch gemogelt haben und prügelt sich genauso gerne wie sein entfernter Verwandter Prinz Proll Ernst August in Niedersachsen. Wahrscheinlich kotzt er dann anschließend auf die Straße.

Noch einmal: Überraschen kann das eigentlich nur jemanden, der noch an das Märchen vom Gottesgnadentum glaubt. Denn am Ursprung jedes Wappens steht ein Verbrechen: Der alte Hochadel geht zurück auf eine Bande von ungewaschenen analphabetischen Rüpeln, die im frühen Mittelalter brutaler und rücksichtsloser mit dem Schwert zuschlugen als ihre Konkurrenten. Und der jüngere niedere Adel rekrutiert sich aus skrupellosen Emporkömmlingen, die mit dem Titel dafür belohnt wurden, daß sie Kaisern und Königen so effizient beim Auspressen der Untertanen halfen.

Als sich nach einem Jahrtausend Adelsherrschaft allmählich eine bürgerliche Opposition zu Wort meldete, ähnelten deren Argumente gegen die Fürsten bis aufs Wort denen, mit denen heute Kulturkritiker die Trash-Kaste der TV-Prominenz kritisieren: Lessings Prinz Hettore Gonzaga aus „Emilia Galotti“ oder Desportes aus „Die Soldaten“ von Lenz sind Männer wie geschaffen fürs Dschungelcamp: Faul, dummdreist, triebgesteuert, ungebildet aber strotzend vor Selbstbewußtsein. Und was sind Lady Milford, Adelheid von Walldorf und Kunigunde von Thurneck bei Lessing, Goethe und Kleist denn anderes als karrieregierige Hofluder? Die Thurneck verdankt ihre Schönheit sogar Implantaten und Operationen – wie irgendein zurechtgeschnippeltes Starlet der Gegenwart.

Einer für alle: Nigel Hawthorne als verrückter König George III.
Hier irrten die Klassiker nicht. Heute tritt die wahre Wesensverwandtschaft zwischen Adel und Subproletariat umso deutlicher zu Tage. Am sichtbarsten wird das bei einer nahezu tragischen Figur wie Stephanie von Monaco. Mit siebzehn war sie eine elfenhafte Erscheinung, der man zutraute, ihre ältere Schwester Caroline später einmal noch zu überglänzen. Doch sie glich nur jenen jungen hübschen Proletten, die man manchmal bewundert, wenn sie vor dem Hauptschul-Tor herumlungern, von denen man aber doch genau weiß, daß ihre natürliche Schönheit spätestens mit 30 durch Kettenrauchen, Alkohol, häusliche Gewalt und andere schichtenspezifische Untugenden zerstört sein wird. So etwas Ähnliches ist mit Stephanie in den letzten 20 Jahren auch passiert: Aus dem zarten Prinzeßchen wurde eine durch Fitnesstudio-Mißbrauch deformierte Matrone mit apokalyptischer Frisur. An ihr bewahrheite sich gnadenlos die Regel: Je älter man wird, desto mehr bestimmt der Charakter das Äußere.

An die arme Stephanie, aber auch an Fürstin Glorias frühe Megapeinlichkeiten oder an Lady Dis fatalen Hang zu geschwätzigen Reitknechten und nichtsnutzigen Playboys sollte man sich erinnern, wenn wieder mal irgendein Adeliger öffentlich behauptet, seinesgleichen sei gewissermaßen qua Geburt ein Experte für Fragen des guten Stils. Seitdem gutes Benehmen wieder Konjunktur hat, versuchen ja viele Blaublüter, sich ein Zubrot zu verdienen, indem sie Benimmratgeber schreiben, einschlägige Kurse anbieten oder in Zeitungskolumnen die Probleme des „stilvollen Verarmens“ behandeln.

Doch wir lassen uns durch ihr Geschwätz nicht blenden. Diese Gestalten mögen zwar beeindruckend darüber fabulieren, warum jemand, der den Knoten seiner Krawatte lockert oder bei Tisch „Guten Appetit!“ wünscht, nicht satisfaktionsfähig ist. Aber dann gehen sie raus und pinkeln an den türkischen Expo-Pavillon. Sie schwängern die Zoten-Entertainerin Desiree Nick und wollen anschließend noch nicht mal Alimente zahlen. Oder sie stecken ihre Nasen in das Silicon-Valley zwischen den Brüsten irgendeiner vorbestraften Versicherungsschwindlerin und schwärmen anschließend in „Bunte“ von deren „Alabasterkörper“.

Wir wußten schon immer, daß wir uns unter einem „Adelsgeschlecht“ etwas Obszönes vorzustellen haben.

Dieser Artikel ist am 25. Oktober 2004 unter dem Titel "Adel, gerichtet" in der "taz" erschienen. Weil sich einer der darin genannten Fürsten juristisch dagegen wehrte, dass ich seine Ex-Geliebten und Frauen, die ihn gerne mal mit Boygroup-Sängern und anderen B-Prominenten betrogen, als "Luder" bezeichnet habe, ist er heute nicht mehr im Archiv zu finden. Mir kommt der Text - im Lichte der heutigen Guttenberg-Affäre betrachtet - geradezu prophetisch vor. Ich habe mir jedenfalls über die "bürgerlichen" Tugenden des Ministers nie Illusionen gemacht.

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