Dienstag, 1. Februar 2011

Wie aus Englisch Globish wurde

Vor einiger Zeit kamen seltsame Nachrichten aus Amerika: Der kleine Ort Jackson im Staat New York hatte eine Verordnung erlassen, die bestimmte, dass künftig bei allen politischen Versammlungen, allen Geschäften und allen Behördengängen ausschließlich die englische Sprache verwendet werden dürfte. Jackson liegt 2500 Kilometer von der mexikanischen Grenze entfernt. Abgesehen von ein paar hispanischen Landarbeitern spricht hier niemand etwas anderes als Englisch. Und trotzdem hatte der Sägenhändler und Stadtrat Roger Meyer das Gefühl, es sei an der Zeit, das scheinbar Selbstverständliche gesetzlich vorzuschreiben. "Viel zu lange hat die Bundesregierung ihre Pflicht vernachlässigt, indem sie Englisch nicht als offizielle Sprache der Vereinigten Staaten festlegte", wird Mr. Meyer in der New York Times zitiert. Er hoffe, so Meyer, mit seinem Antrag im Stadtrat eine Art Graswurzelbewegung für den Schutz der englischen Sprache zu starten.

Doch auch wenn zwei nahe gelegene Nester bald nach Jackson ähnliche Bestimmungen erließen, ist von einem Aufstand zur Verteidigung des geliebten heimatlichen Idioms in den USA wenig zu spüren. Warum auch? "Die englische Sprache ist nirgendwo im Staat New York oder sonst wo im Lande bedroht", stellt Melanie Trimble, die Vertreterin einer Bürgerrechtsorganisation, die die Verordnung kritisierte, fest.


Im Gegenteil: Englisch beherrscht die Welt vielleicht mehr denn je. Der echte oder vermeintliche Niedergang der USA als einzige verbliebene Weltmacht hat seiner Stellung nichts anhaben können. Auch das Chinesische wird sobald kein Konkurrent werden . In einem 2010 erschienen Buch mit dem Untertitel "Wie Englisch die Sprache der Welt wurde" beschreibt der Brite Robert McCrum, wie Studenten der Renmin Universität in Peking in Massenkursen Englisch lernen und mit welcher Begeisterung sie sich auf ihn, den Muttersprachler, stürzen, um ihre frisch erworbenen Kenntnisse zu erproben.


Allenfalls siegt Englisch sich zu Tode. Denn die vielen Milliarden Menschen auf der Welt, die heute "Englisch" kommunizieren, unterhalten sich dabei ja keineswegs in der Sprache der King James Bibel und des Oxford Wörterbuchs. Microsoft bietet 18 verschiedene Rechtschreibprüfungsprogramme für die weltweit verschiedenen Englisch-Varianten an. Das "Handbook of World Englishes" der Linguisten Braj B. und Yamuna Kachru kannte bereits 1996 so viele lokale Formen, dass sie nach Regionen differenziert behandeln werden mussten: ost- , west-, südafrikanische Englischs, karibische Englischs, ost-, süd-, südostasiatische Englischs usw. Und das sind nur die mehr oder weniger offiziellen Amtssprachen und Dialekte. Die "New York Times" amüsierte ihre Leser vor einigen Monaten mit einer Bilderserie, die Schilder in "Chinglish" zeigte - einer für Amerikaner grotesken Variante des Englischen, die in China aber gute Dienste tut.


Angesichts solcher Entwicklungen hatte hatte der damalige Direktor des Oxford English Dictionnary, Robert Burchfield, bereits in den Siebzigerjahren prophezeit, Englisch werde sich irgendwann in mehrere deutlich unterschiedene Sprachen aufteilen - so wie einst aus dem Lateinischen das Spanische, das Italienische, das Französische und andere Idiome hervorgegangen seien. Schon jetzt, so stellte Burchfield damals fest, könnten sich ein Jamaikaner, ein Schotte aus Glasgow und ein Nigerianer nicht miteinander unterhalten.


Bewiesen scheint diese Theorie etwa durch die Entwicklung im Singapur der vergangenen Jahrzehnte. Dort ist - allen früheren Versuchen, Mandarin als Leitsprache durchzusetzen zum Trotz - eine lokale Variante des Englischen für den Alltagsgebrauch entstanden, die die Einheimischen Singlish nennen und die mittlerweile ebenso stolz wie ironisch in einem inoffiziellen "Coxford Singlish Dictionary" kodifiziert worden ist.


Doch gegen Burchfields These von der Aufspaltung des Englischen in echte Tochtersprachen spricht, dass die Welt heute viel besser vernetzt ist, als zu den Zeiten, in denen Französisch, Spanisch und Italienisch entstanden. Wenn Menschen des Mittelalters schon mit Computern kommuniziert hätten, würden die romanischen Länder heute wohl immer noch Latein sprechen. Wer im Word Wide Web verstanden werden will, der sollte sich besser nicht im Patois Jamaikas oder einer afrikanischen Metropole ausdrücken. In seinem Buch "Prodigal Tongue" nennt der Kanadier Mark Abley 2008 als Beispiel das offizielle Online-Forum der Band Coldplay. Wer sich dort als Ägypter, Lette, Peruaner oder Mazedonier mit anderen Fans austauschen möchte, ist gehalten, ein global verstehbares Englisch zu benutzen.


Das muss dann allerdings nicht das Oxford Englisch aus der Schule sein. Sondern viel häufiger ist es Globish. Dieser Begriff bezeichnet ein weltweit verständliches Basis-Englisch, das die meisten Menschen sprechen, wenn sie glauben, Englisch zu sprechen. Entdeckt und getauft worden ist Globish ausgerechnet von einem Franzosen. Der ehemalige IBM-Manager und Amateurlinguist Jean-Paul Nerrière erkannte schon 1995, dass Globish der weltweite Dialekt des dritten Jahrtausends" werden würde. Dieses "entcoffeinierte" Englisch kommt laut Nerrière mit 1500 Wörtern und fast ohne Grammatik aus und wird vor allem von Nicht-Muttersprachlern benutzt. McCrum berichtet in seinem Buch, dem er stolz den Titel "Globish" gegeben hat, dass sich japanische und koreanische Geschäftsleute auf Globish viel besser miteinander unterhalten, als sie es jeweils mit einem britischen oder amerikanischen Muttersprachler könnten.

Globish beim "Marsch der Million" in Ägypten


Globish nutzen derzeit auch die Demonstranten in Ägypten, um der Welt kund zu tun, was sie vom Regime ihres Präsidenten Husni Mubarak halten. Viele der Plakate, die man heute beim "Marsch der Million" in Kairo sah, waren auf Globish. "Mubarak must go", "We want a democratic constitution" usw. Wer Resonnanz in den globalen Medien möchte, darf seinen Protest nicht nur auf Arabisch formulieren. Sogar wenn ein eingefleischter Antiamerikaner wie der iranische Staatspräsident Ahmadinedschad seine bestellten Klageweiber mal wieder gegen den "großen Satan" USA demonstrieren lässt, halten die verschleierten Frauen Plakate mit Slogans in der Sprache des Erzfeinds hoch.

Der Erfolg von Globish beruht auf vielen Faktoren. McCrum, der zwar als Journalist beim linksliberalen Observer arbeitet, aber dennoch ein ganz altmodischer Patriot ist, glaubt offenbar, dass bestimmte, dem Englischen innewohnende Qualitäten dafür mitverantwortlich seien: Es sei aufgrund seiner Sprachgeschichte ansteckend, anpassungsfähig, volkstümlich und subversiv.
Mit anderen Worten: Englisch habe eine demokratische DNA.

Wir halten uns lieber an die feststehenden Tatsachen, dass es nacheinander zwei englischsprachige Weltreiche gegeben hat - das Empire und die USA. Das erste hat die Sprache mitsamt den Menschen in seine Kolonien exportiert, das zweite hat sie vor allem aufgrund seiner kulturellen Leitbildfunktion mithilfe von Popkultur, Wissenschaft und Wirtschaft verbreitet. Und dann wurde auch noch die digitale Revolution ausgerechnet in einem englischsprachigen Land angezettelt. Welche Auswirkungen das hatte, zeigt u. a. das jahrzehntelange, erst kürzlich beendete Verbot der deutschen Umlaute ü, ö und ä in Internetadressen.

McCrum nennt noch ein weiteres Beispiel: Die Kommunikation per SMS. Englische Wörter haben im Durchschnitt fünf Buchstaben, sie werden kaum flektiert und haben keine Akzente oder andere Sonderzeichen Für SMS ist das ideal. Der britische Linguist David Crystal schreibt, dass wohl alle jungen Menschen auf der ganzen Welt, die sich Textnachrichten schicken, Abkürzungen wie "lol", "gr8" und "u" benutzen - ganz egal, was ihre Muttersprache ist. Die Franzosen schreiben in SMSen lieber "now" als "maintenant" und die Holländer schreiben "2m" (wie tomorrow") statt "morgen". Und in Deutschland ist gerade "n1", die Abkürzung für "nice one" (im Sinne von "gut gemacht") auf Platz fünf bei der Wahl zum "Jugendwort des Jahres" gelandet.


Man kann solche Tendenzen beklagen oder bekämpfen, wie es die Sprachpuristen tun. Die werden die Geschichte des Autors Peter Carey über einen japanischen Teenager mit Grausen lesen. Er arbeitet bei Starbucks und fragt den Kunden, ob zu seinem Kaffee noch "Miruku" will. "Miruku" ist "milk", nur japanisch ausgesprochen, wobei das U am Ende signalisiert, dass das Wort erst vor kurzem aus dem Englischen entlehnt wurde. Befragt, warum er nicht er nicht das originale japanische Wort "gyuunyuu" benutze, antwortet Takashi, das Wort sei nicht so "hygienisch": "Es bedeutet ,Flüssigkeit aus dem Euter'. 'Miruku' ist besser."


Lächerlich? Gewiss. Aber doch nicht beängstigend. Weder Japanisch, noch irgendeine der anderen großen Sprachen ist auch nur annähernd in ihrer Existenz durch Globish gefährdet. Verschwinden werden weiterhin nur die kleinen Idiome. Aber für deren Schicksal ist es unerheblich, ob sie vom Englischen oder einer anderen indoeuropäischen Sprache verdrängt werden.


In der Tat ist der Siegeszug des Englischen über die Jahrtausende hinweg betrachtet nur ein Unterkriegsschauplatz in der Welteroberung der indoeuropäischen Sprachen. Der deutsche Linguist Harald Haarmann erinnert in seinem neuen Buch "Die Indoeuropäer" daran, dass indoeuropäische Sprachen seit langem Anpassungsdruck auf die Sprecher nicht-indoeuropäischer Sprachen ausüben. So hat schon das Lateinische beispielsweise das Etruskische oder das Keltiberische verdrängt. So reduzierten Spanisch, Englisch und Portugiesisch die Zahl der Indianersprachen in Amerika. So übernehmen immer mehr Angehörige asiatischer Minderheitenvölker in Russland die Amtssprache als Erstsprache.


Aber weil dieses Schicksal keiner der großen oder auch nur mittelgroßen Sprachen der Welt bevorsteht, lohnt es sich immer noch, mehrere fremde Sprachen zu lernen und nicht zu hoffen, dass Englisch genügt. Ein Beispiel für die fatalen Konsequenzen dieses Irrglaubens nennt McCrum in seinem Buch: Als 2008 der georgisch-russische Krieg ausbrach, gab der in Amerika ausgebildete Präsident Georgiens, Michail Saakaschwili, fast jeden Tag ein Interview auf CNN. Mit der Folge, dass er sein Land vor den Augen der anglophonen Welt als das harmlose Bambi erscheinen ließ, dass vom bösen russischen Bären unprovoziert zerfleischt zu werden drohte. Es dauerte eine Weile, bis klar wurde, dass die Geschichte noch eine andere Seite hatte und Saakaschwili vielleicht nur ein typischer kaukasischer politischer Hasardeur alter Schule war. Saakaschwili hatte begriffen, was auch die meisten Werber glauben: Auf Englisch lassen sich die Menschen leichter Unsinn verkaufen.


Ein jüngeres Beispiel für die fatalen Folgen, die mangelnde Mehrsprachigkeit haben könnte: Anfang November enthüllte in Le Figaro der Franzose Christophe Naudin, ein Experte für Flugsicherheit, dass al-Qaida im Irak, versuchte habe, Hunde als lebende Bomben zu missbrauchen würde. Die Terroristen hätten den Sprengstoff in herrenlose Straßenköter eingenäht, die bei Tierfreunden in Amerika ein neues Zuhause finden sollten. Bisher seien solche Attentate aber immer daran gescheitert, dass die Hunde starben, bevor sie an Bord eines Flugzeugs oder gar nach Amerika kamen. Erst nach einer Woche fand die Geschichte ihren Weg in die New York Post und von da in die nicht-französischsprachige Weltpresse. Für einen Hundefreund in Amerika, der in dieser Woche voller Freude ein Päckchen aus dem Irak in Empfang nahm, wäre die Nachricht möglicherweise zu spät gekommen.


Die Geschichte mit den Bombenhunden klingt zugegeben etwas zweifelhaft. Aber es gibt jeden Tag tausende wichtigerer Nachrichten, die nur in einer nicht englischen Sprache verbreitet werden. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde die Tatsache, dass die USA sich davon hatten überraschen lassen, auch damit erklärt, dass ihr Geheimdienst fast keine Agenten mehr beschäftigte, die Paschtunisch - die Sprache der Taliban und ihrer terroristischen Verbündeten - beherrschten. Das traurige Beispiel zeigt besonders drastisch: Wer nur Englisch spricht ist auch bloß ein gehobener Analphabet.



Watch the full episode. See more Thirteen Forum.

Kommentare:

  1. So gut, daß ich es in FB poste!
    -- Mitch Cohen

    AntwortenLöschen
  2. Blödsinn.

    ALLE Sprachen der Welt sind auf Althochdeutsch zurückzufüren.
    Deutsch ist die Sprache der Wissenschaft und Lyrik.
    Keine andere Sprache vermag so vielseitig in ihrer Ausdrucksweise zu sein.
    Englisch ist nur eine Brückensprache; Flickwerk; Mindestverständigung, Masse statt Klasse...
    Die deutsche Sprache wäre damals fast Sprache der USA geworden, da fehlte nicht viel...

    Warum die ägyptischen Schilder auf Englisch geschrieben sind?
    - Einfach mal überlegen, wer hinter allen (Farben-)Revolutionen der Neuzeit steckt!
    Ja, der "große Satan", der demokratische Hüter der englischen Sprache ; unser bombenmäßiger großer Bruder und Freund.

    AntwortenLöschen
  3. @Anonym
    Schön, dass Sie in Ihrer Gummizelle wenigstens Internetanschluss haben.

    AntwortenLöschen
  4. habe angefangen zu lesen und mittendrinn abgebrochen das ist echt zu lang der text lol
    wie wäre es wenn man das in teil 1 und teil 2 gliedert ? *g*

    AntwortenLöschen