Montag, 28. Februar 2011

Warum sind Briten die besseren Römer?

In dieser Woche kommt der Film "Der Adler der neunten Legion" ins Kino. Es ist eine britische Produktion, die auf einem in England seit Jahrzehnten viel gelesenen Jugendbuch von Rosemary Sutcliff beruht, das zur Zeit der römischen Besatzung Englands im Jahr 120 n. Chr. spielt. Umso sensationeller ist, dass zum ersten Mal seit Menschengedenken in einem derartigen Film die römische Hauptfigur von einen Amerikaner gespielt wird: dem Ex-Model Channing Tatum.

Der Regisseur Kevin MacDonald gibt dafür eine lustige Erklärung: "Bis in die 50er Jahre wurden in Historienfilmen die Römer in Hollywoodfilmen immer mit Engländern besetzt, weil damals noch das britische Empire existierte. Inzwischen gibt es jedoch nur noch ein Land, das wie einst die Römer als imperialistische Macht andere Länder besetzt, und das heißt Amerika."

Aber weder die Erklärung für die Bevorzung der Briten in Römerrollen noch die Zeitangaben stimmen. Denn ich kann mich nicht erinnern, allzuviele nach den Fünfzigerjahren gedrehte amerikanische Römerfilme gesehen zu haben, in denen die Hauptrollen nicht von Briten gespielt wurden - von den englischen Sandalenschinken gar nicht zu reden. Meine absoluten Lieblingsrömer des jüngeren Zeit stammten aus Nordirland bzw. Schottland: Lucius Vorrenus und Titus Pullo, die Helden der amerikanischen Fernsehserie "Rom" wurden 2005-2007 dargestellt von Kevin McKidd und Ray Stevenson. Der römische Offizier Artorius Castus im "King Arthur"-Film von Jerry Bruckheimer und Antoine Fuqua  wurde selbstverständlich ebenfalls von einem Briten gespielt: Clive Owen.  Ähnlich groß war die britische Dominanz schon 2000 in "Gladiator": Zwar ist der Hauptdarsteller Russell Crowe "nur" ein in Neuseeland geborener Australier (und somit immerhin Untertan der Queen und Teil einer spezifisch britischen Theatertradition), aber alle anderen Darsteller, die alte römische Tugenden (wie den Republikanismus) und Untugenden (wie die kommerzielle Organisation von tödlichen Circusspektakeln) verkörpern, sind Briten - vom Philosophenkaiser Marcus Aurelius (Richard Harris) bis zum Gladiatorenausbilder Proximo (Oliver Reed). Nur ein Charakter wie Marc Aurels Sohn Commodus, der mit seiner quasi-anarchistischen Bösartigkeit den Rahmen des klassischen Römertums sprengt, konnte ausnahmsweise von einem Amerikaner wie Joaquin Phoenix gespielt werden.

Richard Burton und Elizabeth Taylor in "Cleopatra"
Offenbar halten auch amerikanische Produzenten und Regisseure die Briten einfach für die besseren Römer. Und das, obwohl die Amerikaner doch eigentlich in vielerlei Hinsicht die Erben Roms sind - sie haben sich mit einem revolutionären Akt der Königsherrschaft entledigt und ein republikanische Staatswesen gegründet. Ihre Staatssymbolik bedient sich bei der römischen Antike - man denke nur an die Architektur und den Namen des Kapitols oder an die Bezeichnung "Senat" für die eine der beiden Kammern ihres Parlaments.

Andererseits können sich die Briten darauf berufen, die Bluterben der Römer zu sein. Die Tatsache, dass am Anfang aller Zivilisation auf der Insel die römische Besiedlung stand, ist im kulturellen Bewusstsein der Engländer lebendig. Davon zeugen nicht nur Bücher wie "Der Adler der neunten Legion" oder ein ebenfalls britischer neuerer Römerfilm wie "Die letzte Legion", wo Britannien gewissermaßen als letzter intakter Außenposten eines ansonsten längst zerfallenen Imperiums geschildert wird (und in dem der Oberrömer natürlich von einen Briten gespielt wurde: Colin Firth). Auch Joseph Conrad schlägt beispielsweise gleich zu Beginn seines Romans "Heart Of Darkness" eine Linie von den römischen Bewohnern des Themse-Ufers bis zu den heutigen Briten. Er lässt seinen Marlow sagen: "I was thinking of very old times, when the Romans first came here, nineteen hundred years ago -- the other day. . . ." Als wäre es tatsächlich nur ein paar Tage her, beschwört Marlow die Geister dieser ersten Eroberer und Kolonisatoren in einer völlig unzivilisierten Wildnis - voller Kelten. Und diesen fühlt sich der Engländer bekanntlich überhaupt nicht verwandt. Der Hadrianswall, die von den Römern gegen die Barbaren errichtete Grenze, ist auch heute noch die Linie, entlang derer sich die Engländer gefühlsmäßig von den Nachfahren der Kelten abgrenzen.

Aber diese "special relationship" zwischen Engländern und Römern ist wohl kaum der wahre Grund, warum sich Amerikaner Römer gar nicht anders als mit britischem Akzent vorstellen können. Schuld ist natürlich Shakespeare. Der hat das Bild der Römer in der angelsächsischen Welt stärker geprägt als jeder Historiker. Vor allem die Art, wie Römer zu sprechen haben, ist für einen halbwegs gebildeten Amerikaner durch "Julius Caesar" oder "Antonius und Cleopatra" festgelegt. Und deswegen holte man sich schon früher für Römerfilme am liebsten britische Shakespeare-erfahrene Darsteller - z. B. Peter Ustinov 1951 für die Rolle des Nero in "Quo Vadis" oder Richard Burton als Antonius und Rex Harrison als Caesar 1963 in "Cleopatra". Nur die Cleopatra selbst durfte, da sie Ägypterin war, von einer Amerikanerin gespielt werden: Elizabeth Taylor (die aber immerhin in London geboren wurde).

Auch Stanley Kubrick konnte 1960 in "Spartacus" die Titelrolle zwar dem Amerikaner Kirk Douglas geben - denn Spartacus war ja kein Römer, sondern ein thrakischer Sklave. Aber fast alle wichtigen römischen Rollen sind wiederum mit Engländern besetzt - und mit was für welchen: Laurence Olivier spielt den Marcus Crassus, Charles Laughton den Sempronius Gracchus und Peter Ustinov den Lentulus Batiatus. Auch in "Ben Hur" (1959) wird selbstverständlich der wichtigste Römer, Ben Hurs Jugendfreund Messala, der später zum Befehlshaber von Jerusalem wird,  von dem Briten Stephen Boyd gespielt. Boyd taucht auch in "Der Untergang des Römischen Reiches" auf - an der Seite des Engländers Alec Guinness als Kaiser Marcus Aurelius. Die Reihe der klassischen Hollywood-Sandalenfilme wird vervollständigt durch  "Das Gewand". Dort durfte Richard Burton schon 1953 als Marcellus Gallio seine Eignung zum Hollywood-Römer unter Beweis stellen.

Nur in Komödien dürfen ausnahmsweise mal Amerikaner die Römer spielen: In Richard Lesters "Toll trieben es die alten Römer" hatten 1966 nicht nur der Star Zero Mostel sondern auch fast alle anderen Darsteller einen amerikanischen Pass. Der Witz des Musicals bestand ja gerade darin, dass es die Römer von ihren Marmorsockeln runterholte und lustvoll auf das Alltagsniveau gegenwärtiger Kinozuschauer reduzierte - da war ein Akzent, der mehr nach Brooklyn als nach Shakespeare und dem Forum Romanum klang, natürlich als künstlerisches Stilmittel sehr erwünscht.

Trotz solcher Ausnahmen hat die Verengländerung der Hollywood-Römer in den meisten stilbildenden und später millionenfach im Fernsehen gezeigten Filmen der Fünfziger- und Sechzigerjahre dann wiederum dazu geführt, dass heute auch weniger gebildete Amerikaner, die von Shakespeare vielleicht nicht so viel Ahnung haben, meinen, Römer müssten britisches Englisch sprechen. Einen Römer in einer großen teuren Produktion von einem US-Boy spielen zu lassen, ist also ein künstlerisches und kommerzielles Wagnis. In den USA war "Der Adler der neunten Legion" mäßig erfolgreich, aber auch kein Flop: Nach einer Woche hatte er laut imdb 15,799 Millionen Dollar seines 25-Millionen-Etats eingespielt. In Deutschland  wird sich ohnehin keiner an einem Amerikaner als Römer stören.

1 Kommentar:

  1. Was wohl die Italiener davon halten?
    oder sehen die es locker und sehen die gesammte westliche zivilistaion als erben ihrer vorfahren der Römer!

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