Sonntag, 6. Februar 2011

Ronald Reagan als Anti-Held der Popmusik

Heute wäre der frühere US-Präsident Ronald Reagan 100 Jahre alt geworden. Über seine politische und historische Bedeutung ist aus diesem Anlass schon genug gesagt worden, u. a. hier, hier und hier. Weniger habe ich darüber gelesen, dass wohl kein amerikanischer Präsident jemals eine so große Rolle in der Popmusik gespielt hat, nicht einmal John F. Kennedy, der immerhin u. a. von den Byrds, Lou Reed und Adam Ant besungen wurde und nach dem eine der wichtigsten Punk-Bands aller Zeiten benannt ist: die Dead Kennedys.

Die Dead Kennedys haben Reagan auch eine der ersten Hasshymnen gewidmet und in "We've Got a Bigger Problem now" wird er logischerweise genauso beschimpft und dämonisiert wie immer. Ich weiß nicht, ob es irgendein positives und freundliches Lied über Reagan gegeben hat - vielleicht in der Countrymusik. Der Dead-Kennedys-Sänger Jello Biafra textete jedenfalls im Dezember 1981: "I am Emperor Ronald Reagan / Born again with fascist cravings / Still, you made me president / Human rights will soon go ‘way / I am now you Shah today / Now I command all of you / Now you’re gonna pray in school / I’ll make sure they’re Christian too / Chorus: California Uber alles / Uber alles California." Ein Jahr zuvor hatte er sich noch an einem anderen Politiker abgearbeitet, dem demokratischen Gouverneur von Kalifornien, Jerry Brown. Nun begriff der liberale Anarchist Biafra, dass er sich zuerst möglicherweise den Falschen als Ziel ausgesucht hatte. Und er versuchte, seine vorherigen Fehler durch Überkompensation wieder gut zu machen. Ebenfalls 1981 veröffentlichten die Dead Kennedys auf dem band-eigenen Label Alternativ Tentacles einen Punk-Sampler mit dem Titel "Let Them Eat Jellybeans", dessen Titel Ronald Reagan mit der (später geköpften) französischen Königin Marie Antoinette gleichsetzte, die angeblich gesagt haben soll, wenn die Armen kein Brot hätten, sollten sie doch Kuchen essen. Jellybeans sind eine Bonbonsorte, die Reagan erklärtermaßen liebt.

Mit einem "fascist god in motion" wurde der im Frühjahr 1981 ins Amt gekommene Reagan im gleichen Jahr auch unumwunden von der britischen Gruppe "Heaven 17" gleich gesetzt. Ihr "We Don't Need This Fascist Groove Thang" gilt bis heute zurecht als Klassiker der elektronischen Tanzmusik:


Daran, dass Reagan hier noch als "president elect" bezeichnet wird, sieht man übrigens, dass das Lied schon um die Jahreswende 1980/81 entstanden sein muss, als Reagan bereits gewählt, aber noch nicht im Amt war. Die Gleichsetzung von Reagan mit Faschismus und Rassismus war in den frühen Achtzigerjahren so geläufig, dass in Amerika eine Musikerinitiative entstand, die sich "Rock against Reagan" nannte - nach dem Vorbild der britischen Aktion "Rock against Racism" in den späten Siebzigerjahren. An der Tournee von "Rock against Reagan" nahmen 1982 fast alle wichtigen amerikanischen Hardcore-Punk-Bands teil - z. B. MDC, die Minutemen und die Bad Brains 
 "Rock against Reagan" in Los Angeles 1982 © Marshal Astor
Im gleichen Jahr nahmen die britischen Fun Boy Three, die aus der epochalen Ska-Band "The Specials" hervorgegangen waren, Reagan und seine (aus ihrer Sicht) englische Erfüllungsgehilfin Margaret Thatcher in ihrem ebenfalls wunderbar tanzbaren Klassiker "The Lunatics Have Taken Over the Asylum" aufs Korn. Darin ist von einer Klinik (der Welt) die Rede, die von zynischen Irren übernommen wird, und es heißt mit deutlichem Bezug auf Reagan:


No nuclear the cowboy told us
And who am I to disagree
'Cos when the madman flips the switch
The nuclear will go for me



Zu den unbekanntereren Anti-Reagan-Hymnen gehört das Lied, das Harry Belafonte bei der Großdemo gegen den Nato-Nachrüstungsbeschluss im Mai 1981 im Bonner Hofgarten anstimmte. Nach der Melodie von "Down By the Riverside" sang Belafonte: "Hey Mr. Reagan, lay down your neutron bomb, lay down your neutron bomb, lay down your neutron bomb!" Ich war dabei, und es war großartig, sehr amerikanisch. Leider ist der Auftritt nirgendwo als Video überliefert, aber der damalige Mitarbeiter der US-Botschaft in Bonn, Robert M. Beecroft, berichtet in diesem Interview, dass er den Gesang noch in seiner einige hundert Meter entfernten Residenz gehört habe: Harry Belafonte sang in front of 100,000 people, mainly students, in a big field not far from our house: “Lay down your neutron bomb…”
Harry Belafonte und Coretta King 1981 in Bonn


Ein weiterer Klassiker der Achtzigerjahre, in dem der verhasste Präsident die Rolle des Antihelden spielt, ist "Bonzo Goes To Bitburg" von den Ramones, die zu Beginn ihrer Karriere wegen Songtiteln wie "Blitzkrieg Bob" selbst einmal unter Faschismusverdacht standen. Doch in Wirklichkeit verbargen sich hinter den dunklen Sonnenbrillen ganz klassische linksliberale jüdische Intellektuelle. Und als solche waren die Ramones aufrichtig empört, als sich Reagan vom deutschen Helmut Kohl dazu verleiten ließ, am 5. Mai 1985 auf einem deutschen Soldatenfriedhof in Bitburg ein Versöhnungsspektakel abzuhalten - obwohl in den Gräbern auch Angehörige der SS lagen. Ihrer Empörung machten sie Luft mit der Single "Bonzo Goes To Bitburg", die im Juni 1985 veröffentlicht wurde. 1986 sagte der Sänger Joey Ramone dazu in einem Interview:

We had watched Reagan going to visit the SS cemetery on TV and were disgusted. We're all good Americans, but Reagan's thing was like forgive and forget. How can you forget six million people being gassed and roasted?



Den Schimpfnamen  "Bonzo" hatten die Reagan-Gegern ihm übrigens verpasst, weil er in seiner Zeit als Schauspieler 1951 die Hauptrolle in einem kleinen unwichtigen Film namens "Bedtime for Bonzo" gespielt hatte, dessen zweiter Hauptdarsteller ein Schimpanse namens Bonzo war.

Mag man politisch auch nicht einer Meinung mit den Künstlern sein, so kann man sich ihre Lieder eigentlich alle immer noch gut anhören.Sie klingen frisch und unpeinlich. Das kann man leider vom berühmteten deutschen Anti-Reagan-Song nicht behaupten. 1982 ließ sich der eigentlich hochintelligente Künstler Joseph Beuys dazu hinreißen, begleitet von BAP-Musikern, sein wirklich komplett infantiles Liedchen "Sonne statt Reagan" zu trällern, in dem ausgerechnet er als Ex-Wehrmachtspilot dem Präsidenten "Endsieg"-Gelüste in Nicaragua, Nahost und Polen unterstellte. Das Video vom Auftritt im "Musikpalast" zählt heute zu den heißgeliebten Ikonen der Trash-Kultur. Man beachte nur, wie Beuys am Ende total ungeschickt versucht, wie ein richtiger Rockstar das "Lasso" zu machen, indem er das Mikrophon an seiner Schnur herumschwingt - und er die Aktion dann abbricht, wohl aus  Angst, sich selbst zu erdrosseln.




Damit ist die Liste der Popmusiker, die sich in den Achtzigern an Reagan abarbeiteten, nicht annähernd vollständig. Aber als Bonus-Track lege ich noch eine schöne Reagan-Verungllimpfung aus der Zeit als er noch Gouverneur von Kalifornien war, nach. Joan Baez spielt 1969 beim Woodstock-Festival den Song "Drug Store Truck Drivin' Man". Sie trat dabei mit Jeffrey Shurtleff and Richard Festinger zwei Mitgliedern einer Kriegsdienstverweigererorganisation, die ihr Ehemann David Harris gegründet hatte, auf.  Shurtleff widmete das Lied, das von einem Klu-Klux-Klan-Mitglied handelt, Ronald Reagan (den er wie ray-gun - Strahlenkanone aussprach). Er fügte noch einen zusätzlichen Vers hinzu, um Regan irgendwie in das Lied einzubauen.

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