Dienstag, 8. Februar 2011

Integrationsverweigerer in Preußen 1790

Schon im späten 18. Jahrhundert hat es in Deutschland Integrationsverweigerer gegeben, die darauf bestanden, in ihren Parallelgesellschaften zu verharren und das Erlernen der deutschen Sprache für nutzlos hielten. Allerdings kamen die damals noch nicht aus muslimischen Ländern, sondern es waren Protestanten aus Böhmen (heute Tschechien). Und weil es noch kein Satellitenfernsehen und keine in der Sprache des Mutterlandes gedruckte Zeitungen gaben, standen die Integrationsverweigerer langfristig auf verlorenem Posten - irgendwann konnten die Kinder nur noch Deutsch, auch wenn es die böhmische Seele der Vätergeneration noch so sehr schmerzte.

Von einem solchen Fall berichtet der Ex-Student, Magister und spätere Soldat der preußischen Armee, Friedrich Christian Laukhard in seiner Autobiographie "Leben und Schicksale", einer der hochrangigsten Quellen für Geschichte des Alltagslebens einfacher Leute im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus.

Laukhard wird 1790 als Soldat für den Krieg gegen Österreich mobil gemacht und marschiert nach Schlesien:


"Unser Marsch ging über Berlin, oder vielmehr in Berlin sollten wir bis auf weitere Order kantonieren; und so war unser nächstes Nachtquartier in Nowaweß, einem böhmischen Kolonistendorf bei Potsdam. Ich logierte beim Schulmeister, welcher zugleich auch ein Kattunweber war. Der Mann klagte sehr über den Verfall der böhmischen Sprache in dem Dorf, so daß die Jugend nicht mehr böhmisch lernen wollte, die böhmischen Bücher nicht mehr verstände, und daß die Leute sogar keine böhmischen Predigten mehr verlangten; alles sollte auf deutsch gehen. Ich stellte dem Manne vor, daß es großer Unsinn sei, mitten in Deutschland noch die böhmische Sprache unter den gemeinen Leuten fortsetzen zu wollen; die Leute könnten sonst was Nützlicheres lernen. Aber da hatt' ich des Herrn Schulmeisters Gunst gehabt! Er behauptete den Vorzug seiner Sprache vor allen anderen, und als ich ihn noch weiter widerlegte, ward er grob, und ich mußte, um Händeln vorzubeugen, dem Meister nachgeben und stille sein. Er sagte nachher zu einem meiner Kameraden, ich sei ein superkluger Mensch, der das Gras wachsen hörte. – Du lieber Gott!"

In meiner gedruckten DDR-Ausgabe, die 1989 im Verlag Köhler & Amelang erschien, fehlt  übrigens eine Passage, in der Laukhard nach dem Weitermarsch in Richtung Schlesien über die Oder berichtet, wie ihm in Trebbin ein Bauer von den Gräueln erzählt, die die Russen hier im Siebenjährigen Krieg verübt haben:

"Zu Trebbin, einem Dorfe unweit Frankfurt, konnte ich das Feld überschauen, wo vorzeiten Friedrich II. die ungebetenen Gäste, die Russen, teils zusammengehalten, teils in die Oder gejagt hat. Mein Wirt hatte dieser Menschenschlächterei beigewohnt und konnte vielerlei Partikularitäten davon erzählen. Er sprach von den Russen sehr erniedrigend und führte viele Beispiele von Grausamkeiten an, welche sie in jenen Gegenden verübt hätten. Sie pflegten, um nur eins anzuführen, die Haare der Weiber und Mädchen um ihre Säbel zu wickeln, hernach die armen Geschöpfe vermittelst des Säbels an der Erde zu befestigen und auf diese Art ihre viehische Wollust ungestörter zu stillen. Die russischen Offiziere erlaubten das alles und lachten über die Klagen des gedrückten Landmanns. Aber so soll auch ihre Schande fortdauern bis an den jüngsten Tag. Der Feind sei immerhin Feind, nur vergesse er die Menschlichkeit nicht, und man wird ihn loben und ehren!"

Der Absatz wird auf Seite 126 besagter Edition einfach ausgelassen. Von der Leopoldsäule, die an Leopold von Braunschweig erinnert, geht es direkt weiter nach dem Dorf Dittersbach bei Sagan. Dabei begründet doch der Herausgeber Karl Wolfgang Becker in seinem "Weimar, April 1988" datierten Nachwort die Herausgabe der Laukhardschen Schrift u. a. so:

"Laukhard schildert die Kriegsereignisse und das ganze Umfeld des Krieges mit einer so brutalen Genauigkeit, daß er noch heute Abscheu vor dieser Geißel der Menschheit erweckt. Er wußte auch, daß an dem Krieg nur eine kleine Oberschicht verdient, die breite Masse des Volkes aber elendiglich darunter leidet."

Aber dieses Leiden durfte eben nur so brutal genau geschildert werden, wenn es von preußischen, französischen oder österreichischen Soldaten verursacht wurde. Vergewaltigende Russen durften 1988 in der DDR immer noch nicht erwähnt werden, auch nicht wenn ihre Taten 200 Jahre zurücklagen. So weit ging die Katzbuckelei vor den "Freunden" noch ein Jahr vor dem Zusammenbruch dieses - pardon - Scheißstaats.

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