Dienstag, 8. Februar 2011

Das Abenteuer des Irrationalen

Haben Rationalisten eigentlich Sex? Falls ja: Wie können Sie es dann wagen, die Religion mit rationalen Argumenten zu kritisieren? Denn in der Sphäre der menschlichen Sexualität geht es doch weitaus irrationaler zu als in der Religion. Ständig tun Menschen dort Dinge, die sie aufgrund kühler Analysen nicht tun dürften, die ihnen keinerlei Nutzen bringen und die oft komplett selbstzerstörerisch sind. Sogar die Zahl der Opfer sexuell motivierter Gewalt dürfte weitaus höher liegen als die Zahl derjenigen, die religiös motivierten Verbrechen zum Opfer gefallen sind.

Schlimmer noch: Der Glaube und die Sexualität widerlegen alle optimistischen Annahmen, dass Menschen sich nach einem komplett vernunftgesteuerten Leben sehnen. Sie beweisen (wie übrigens auch die ganze Quasireligion rund um den Sport), dass es ein Verlangen nach Welten gibt, in denen die Ratio eben nicht das oberste Gesetz ist, sondern in denen man sich auf der Abenteuer der Widervernunft einlassen kann.

Für Rationalisten ist die Existenz dieser Sehnsucht eine ständige Provokation. Weil sie nicht erkennen, wie sehr sie mit ihrer Sexualität im Widerspruch zu ihren eigenen Rationalitätsansprüchen stehen, können sie sich nicht vorstellen, dass ein Gläubiger ebenfalls die Sphären trennen kann, indem er die empirische Vernunft als eine Denkmethode nutzt, die hilft, zu überleben und rational gesteckte Ziele zu erreichen, - und trotzdem auf einer Spiritualität beharrt, die keine Vernunftgründe braucht und will.

Die beiden Sphären scheinen übrigens sogar durch geheime Kanäle miteinander zu kommunizieren. Als ob es einen Trieb zum Irrationalen gebe, der sich anderswo Bahn bricht, wenn er in der einen Sphäre gehemmt wird. Früher war die Welt des Sexus ja wesentlich rationaler - die Mehrzahl erwartete von einer geschlechtlichen Beziehung nicht viel mehr als eine geregelte Triebabfuhr und materielle Versorgung. Erst als den meisten Menschen im Rahmen einer Aufklärung, die auch die Kirchen nicht unberührt ließ, der Glaube als Quelle der Ekstase abhanden kam, wurde die Erotik zum Medium säkularer Erlösunghoffnungen. Denn die diesbezüglichen Träume - ganz egal ob vom einmaligen "geilsten Sex aller Zeiten" oder von der Anziehungskraft, die ein Leben hält - sind ja kaum rationaler als die auf ein Leben nach dem Tode. Die Vergottung des Sex ist vielleicht eine Folge der Rationaliserung des Glaubens.

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