Mittwoch, 26. Januar 2011

Warum die Louvin Brothers camp waren

Der Countrysänger Charlie Louvin ist tot. Er starb heute im Alter von 83 Jahren an Krebs, meldet die New York Times. Zusammen mit seinem 1965 bei einem Autounfall gestorbenen Bruder Ira gehörte Charlie Louvin in den Fünfziger- und Sechzigerjahren zu den größten Interpreten religiöser Musik - immer mit einer naiven Inbrunst, die uns heutigen ebenso fremdartig wie reizvoll vorkommt. Die 1963 aufgelösten Louvin Brothers wurden im Zusammenhang mit dem Country- und Bluegrass-Revival im vergangenen Jahrzehnt wiederentdeckt. Als Vorbilder gehuldigt haben ihnen u. a.  Elvis Costello, Dolly Parton, The Byrds, Jack White von den White Stripes, Gram Parson, Beck und Emmylou Harris.

Das Cover von "Satan Is Real"
Die Musik der Louvin Brothers ist auch deshalb so anziehend und verwirrend zugleich, weil sie etwas  Theatralisches hat, das der amerikanischen Volkskultur  (und viele Lieder der Louvin Brothers waren Volkslieder oder sind es geworden) eher fremd ist. Ihre religiöse Leidenschaft wirkt maßlos, immer ein bisschen übertrieben. Wenn sie das Geständnis eines Mörders vertonen - wie in ihrer klassichen Interpretation des Songs "Knoxville Girl" - dann begnügt ihr Ich-Erzähler sich nicht mit der bloßen Konfession, ein Mädchen ermordet zu haben, sondern er ergeht sich lang und breit in den blutigen Details. Ähnlich exaltiert ist das Cover ihrer berühmten Platte "Satan Is Real" aus dem Jahre 1958, das die beiden vor einem fast vier Meter hohen Sperrholz-Comic-Teufel zeigt, der inmitten eines brennenden Haufens zerschnittener mit Benzin übergossener Autoreifen steht. Dieses allgegenwärtige "Zuviel" in der Kunst der Louvin Brothers hat sie auch zu Ikonen einer speziellen, ursprünglich schwulen Art von Kulturrezeption gemacht, für die Susan Sontag bereits 1964 den Begriff "camp" popularisiert hat. Die Louvin Brothers sind mindestens so camp wie Liberace oder wie Charles de Gaulle - zwei Figuren, an deren Beispiel Susan Sontag erklärt hat, was camp eigentlich ist.

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