Donnerstag, 27. Januar 2011

Mein Lieblingskrieg

Der amerikanische Bürgerkrieg ist mein Lieblingskrieg. Empörend kann eine solche Formulierung nur finden, wer leugnet, dass es auch gerechtfertigte Kriege geben kann. Und niemals wurde ein Krieg für eine gerechtere Sache geführt als der "War between the States", bei dem es um die Abschaffung der Sklaverei ging - auch wenn die Apologeten des Südens bis heute behaupten, es wäre um die Rechte der Einzelstaaten gegangen. Damals, dass kann man im Standardwerk von James McPherson ebenso nachlesen wie in der schmalen neuesten deutschen Monographie von Michael Hochgeschwender, ging es den Sezessionisten erklärtermaßen immer nur um ein Recht: das Recht, Sklaven zu halten.

Auch der britische Militärhistoriker John Keegan schreibt gleich am Anfang seines soeben auf Deutsch erschienenen Buchs über den Kampf zwischen den Nord- und Südstaaten der USA:

"Eines meiner früheren Bücher begann ich mit dem Satz ,Der Erste Weltkrieg war ein grausamer und unnötiger Krieg'. Der Amerikanische Bürgerkrieg war sicherlich ebenfalls grausam, sowohl was das Leiden der Teilnehmer angeht als auch die Sorgen und Nöte der Zivilbevölkerung. Aber es war kein unnötiger Krieg. Im Jahr 1861 war die Spaltung, verursacht durch die Sklaverei als das wichtigste aller Dinge, die Nord und Süd voneinander trennten, so virulent geworden, dass nur eine umfassende Veränderung zu einer Lösung führen konnte."

Abraham Lincoln
In meiner Heimatstadt Braunschweig gibt es eine etwas trostlose Stadtrandsiedlung, die nach Abraham Lincoln benannt ist. Die Tatsache, dass die Union von einem der größten und menschlich makellosesten Politiker aller Zeiten angeführt wurde, trägt ebenfalls dazu bei, dass das Gedenken an den Bürgerkrieg mein Herz höher schlagen lässt. Gelegenheit dazu gibt es derzeit reichlich. Denn am 6. November 1860 wurde Abraham Lincoln zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt, und es nähert sich auch das 150. Jubiläum des Bürgerkriegsbeginns am 12. April 1861. Die New York Times zelebriert diese Jahrestage schon seit einigen Monaten mit einem sehr interessanten Blog namens Disunion, das die entscheidenden Ereignisse um die Jahreswende 1860/61 herum in Augenzeugenberichten, Tagebuchaufzeichnungen usw. aufleben lässt.

Doch ehrlich gesagt, sind solche Überlegungen nachgeordnete Rationalisierungen eines ursprünglich ganz naiven Impulses. Denn meine Begeisterung für den Bürgerkrieg rührt seit Kindertagen her, und damals habe ich noch nicht so groß reflektiert. Zuallererst war der Bürgerkrieg die geradezu perfekte Symbiose zweier Dinge, die als ich etwa zehn oder elf Jahre alt war, meine Vorstellungskraft beschäftigten: Ein Krieg im Wilden Westen, bei dem man gleichzeitig Cowboy UND Soldat sein konnte! Was konnte es erstrebenswerteres geben für einen abenteuersüchtigen Jungen?

Der Inbegriff all dieser Fantasien waren einerseits die Western die der Regisseur John Ford mit John Wayne gedreht hatte und in denen Wayne bekanntlich sehr oft den typischen Yankee-Soldaten mit seiner blauen Kavallerieuniform spielte. In mindestens in zwei Filmen, nämlich "Der letzte Befehl" und "Das war der Wilde Westen", war er sogar direkt als Offizier im Bürgerkrieg gegen die Südstaaten im Einsatz. Andererseits bin ich seitdem die Zeitschrift "Zack" im April 1972 anfing, die Western-Serie "Leutnant Blueberry" auf Deutsch zu publizieren, immer ein Fan dieses Meisterwerks geblieben - heute weiß ich, dass ich mit meiner Begeisterung nicht ganz allein stand, sondern dass sowohl der Autor Jean-Michel Charlier als auch der Zeichner Giraud als zu den größten ihres Fachs gezählt werden. Die Hauptfigur Leutnant Blueberry ist ein junger Südstaatler, der die Sklaverei hasst und sich der Armee des Nordens anschließt.

Doch meine Begeisterung für die gerechte Sache im Amerikanischen Bürgerkrieg hat auch meinen christlichen Glauben geprägt. Zur gleichen Zeit, als ich die ersten Blueberry-Comics las, war ich im Sommer 1972 mit den Falken in einem Zeltlager im österreichischen Jennersdorf (Burgenland). Bei dieser sozialistischen Jugendorganisation, SPD-nah, aber immer etwas links von der Partei, würde man auf den Jugendfreizeiten kaum christliche Erbauung erwarten. Aber zum allgemeinen Liederrepertoire, das der Betreuer mit den langen dunklen Haaren damals immer mit uns sang, gehörte auch "Glory, Glory Hallelujah". Das Lied aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg stand in jeder linken Liederfibel, weil es in der Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre eine neuerliche Popularität erlangt hatte. Auch der kommunistische schwarze Sänger Paul Robeson, nach dem in meinen Viertel Berlin-Prenzlauer Berg seit DDR-Zeiten eine Straße benannt ist, hatte es im Repertoire. Und in Ost-Berlin ist 1966 ein Tatsachen-Roman namens "Glory, Glory Hallelujah - Das Lied von Old John Brown" erschienen.

Doch "Glory, Glory Hallelujah" ist natürlich, wie schon der Titel sagt, ein zutiefst religiöses Lied. Es handelt vom Leben des John Brown, der als Guerilla gegen die Sklaverei kämpfte. Brown tat dies, wie fast alle Gegner der Sklaverei Mitte des 19. Jahrhunderts, die so genannten Abolitionisten, aus der tiefen christlichen Überzeugung, dass es Sünde sei, Menschen ihre Freiheit zu rauben. In der Wahl seiner Mittel war er allerdings nicht sehr christlich. James McPherson schreibt über ihn: "Browns Gott war Jehova, der Pharaos Söldner im Roten Meer ertränkte, sein Jesus war der zornige Heißsporn, der die Geldwechsler aus dem Tempel verjagte. 'Ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung", lautete sein Lieblingsvers aus dem Neuen Testament (Hebräer, 9, 22)." (S. 192f)
John Brown

Heute muss ich sagen, dass Brown eigentlich ein Terrorist war - und obendrein ein ziemlich erfolgloser. Nach dem missglückten Überfall auf ein Waffenlager der Bundestruppen bei Harpers Ferry, mit dem er einen Sklavenaufstand auf auslösen wollte, wurde er gefangen genommen und gehängt. Brown schätzte seine Wirkung ziemlich realistisch ein. McPherson zitiert einen Brief, den Brown an seinen Bruder schrieb: "Ich tauge ungleich mehr dazu, gehängt zu werden als zu irgendeinem anderen Zweck." Er sollte recht behalten. Durch sein beeindruckendes Auftreten und sein bewegende Rhetorik vor Gericht beeindruckte er sogar seine Gegner. Für die Sklavereigegner wurde er zum Märtyrer.  Ralph Waldo Emerson ließ sich zu der Prophezeiung hinreißen: "Der alte Krieger wird den Galgen ebenso glorifizieren wie [Christus] das Kreuz." (bei McPherson, S. 199).

Sein propagandistisches Nachleben war jedenfalls wesentlich dauerhafter als sein militärischer Erfolg. In "Glory, Glory, Hallelujah" oder "John Brown's Body", wie es eigentlich heißt, wird Brown zu  einem zweiten Johannes der Täufer verklärt, der dem eigentlichen Messias Abraham Lincoln vorausging. Als eine Art säkularer Messias, der "Liberator" und Wegbereiter der Wiederkunft Christi wurde Lincoln tatsächlich von den befreiten Schwarzen gesehen - und auch sein Märtyrertod durch einen Attentäter aus dem Süden hat zu diesem Mythos beigetragen. Die Sklaven - analphabetisch, ohne Wahlberechtigung und von ihren Besitztern bewusst "dumm" gehalten  - hatten ihr eigenes mündliches Informationssystem. Sie wussten schon 1860, worauf die Wahl Lincolns hinauslaufen würde, und sie wussten besser als die meisten Weißen (und auch als Lincoln selbst), dass es im Bürgerkrieg um die Abschaffung der Sklaverei ging (hier ein Artikel aus der "New York Times" zum Thema).

McPherson beschreibt die Ankunft Lincolns am 3. April 1865 in der gerade vom Norden eroberten Südstaaten-Hauptstadt Richmond so (S. 832):

"... im Nu war der Befreier der Sklaven von schwarzen Menschen umringt, die ihm zujubelten: ,Glory to God! Glory! Glory!' Gott sei gepriesen! Der große Messias! Ich habe ihn sofort erkannt, als ich ihn sah. Seit vier langen Jahren wohnt er in meinem Herzen. Er ist gekommen, um seine Kinder aus der Knechtschaft zu befreien. Glory, Hallelujah!"


 In "John Brown's Body" heißt es über Browns Beziehung zu Lincoln und Christus: "

John Brown was John the Baptist of the Christ we are to see,
Christ who of the bondmen shall the Liberator be.

All das war mir damals, 1972, nicht bekannt und ich bezweifle auch, dass wir im Jennersdorfer Zeltlager die  literarisch wesentlich ausgefeiltere Version späte des Liedes gesungen haben, aus der das Zitat stammt. Erinnern kann ich mich eigentlich nur an die Verse:

John Brown's body lies a-mouldering in the grave;
(But) His soul is marching on!
He's gone to be a soldier in the army of the Lord,
(But) His soul keeps marching on!

Mich hat daran vor allem die Vorstellung fasziniert, dass Gott eine Armee hat, der man sich anschließen könnte. Das fand ich damals doch wesentlich begeisternder als all die eher friedlichen Botschaften des Neuen Testaments, deren pazifistischer Gehalt den Horizont eines für Pistolen, Gewehre, Anschleichen und Schießen entflammten Zehnjährigen überforderte. Das Soldatenwesen hatte für mich damals etwas sehr Anziehendes und was konnte es Ehrenvolleres geben, als in der Armee des Herrn gegen die Sklaverei zu kämpfen?


Heute sehe ich die Angelegenheit und die Persönlichkeit John Browns, wie angedeutet, etwas differenzierter. Aber noch immer bin ich stolz auf die Rolle, die Christen bei der Abschaffung der Sklaverei nicht nur in den USA gespielt haben. Und noch immer kann ich "John Brown's Body" nicht hören, ohne zu erschauern und sofort losmarschieren zu wollen

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