Donnerstag, 13. Januar 2011

Film- und Buchtitel des Grauens

Wenn das Internet irgendetwas Gutes gebracht hat, dann gehört dazu sicher auch die Tatsache, dass Filme heute im Allgemeinen weltweit unter dem gleichen Titel anlaufen. Die Verleihfirmen begründen das damit, dass sich Menschen bereits vor dem Deutschland-Start im Internet über die großen amerikanischen Blockbuster informieren, in den Klatschmeldungen über die Premieren lesen usw. Deshalb wäre es eine Verschwendung, einen Film, der schon soviel kostenlose Werbung bekommen hat, für Deutschland umzutaufen und mit der Werbung wieder ganz bei Null anzufagen.

Leider wird es darum aber auch niemals wieder solche sprichwörtlich gewordenen, fast poetischen Filmtiteleindeutschungen wie "Ein Hauch von Nerz" (ziemlich nahe am Originaltitel "A Touch of Mink"), "Verdammt in alle Ewigkeit (auch nahe an "From Here to Eternity) oder "Der eiskalte Engel" (sehr weit weg vom französischen Originaltitel "Le Samourai") geben. Aber die gibt es auch aus anderen Gründen nicht mehr: Deutsche Filmwerbeleute wären offenbar gar nicht mehr in der Lage, sich so etwas einfallen zu lassen.

Gerade laufen jedenfalls zwei englische Filme in Deutschland an, deren hiesige Verleihtitel so katastrophal missglückt sind, dass man sich fragt, warum sich überhaupt noch Menschen die Filme anschauen. Nächste Woche startet "We Want Sex" von Nigel Collins, dem die Welt auch den schönen Film "Calendar Girls" verdankt. Mit Sex hat der Film aber überhaupt nichts zu tun. Es geht um Arbeiterinnen in den britischen Ford-Werken, die 1968 streiken, um den gleichen Stundenlohn wie die Männer zu erzwingen. Im Original heißt der Film doppeldeutig "Made in Dagenham" - nach Dagenham, einem Vorort von London, wo damals ein großes Ford-Werk mit mehr als 50 000 Beschäftigten stand. Der deutsche Titel kamzustande, weil die Arbeiterinnen im Film auf einem ihrer Transparente fordern: '"We Want Sexual Equality" ("Wir wollen die Gleichbehandlung der Geschlechter"). Im Film wird daraus ein kleiner Gag, weil sich der Stoff des Transparents verhakt und man nur den Schriftzug "We Want Sex" sieht.  Da muss sich irgendein Schlaumeier bei der deutschen Verleihfirma Tobis gedacht haben: "Das ist doch ein Superslogan, mit dem wir die Leute so verarschen können, dass sie sich sogar einen Film über britische Arbeiterinnen in den Sechzigerjahren ansehen." Für wie blöd halten solche Typen eigentlich das Publikum?

Das fragt man sich auch bei "Immer Drama um Tamara". Der neue Film von Stephen Frears ("Die Queen", "Gefährliche Liebschaften") ist eine geistreiche Sommerkomödie, die im Milieu britscher Literaten, Journalisten und Popstars irgendwo auf dem Lande nicht allzu weit von London spielt. Die literarische Vorlage war ein Comicroman der Guardian-Zeichnerin Posy Simmons, der nach der Hauptfigur, einer attraktiven Klatschreporterin, "Tamara Drewe" heißt. Irgendjemand beim deutschen Verleih glaubte wohl, dass sich der Film besser verkaufen würde, wenn man ihm in Deutschland einen plump gereimten Titel gibt, der mehr an eine dämliche Nachmittagsfernsehserie erinnert, als an britischen Humor.

Aber es sind nicht immer die bösen PR-Leute und Werbefuzzis, die ein Kunstwerk durch einen abschreckenden Titel killen. Manchmal ist es auch sein Schöpfer. Als Edgar Hilsenrath 1979 einen Roman über die Amour Fou zwischen der Tochter eines amerikanischen Mafiabosses und einem russischen Rabbiner schrieb, mag es noch eine gute Idee gewesen sein, das Buch "Moskauer Orgasmus" zu nennen. Damals lag Moskau noch hinter dem Eisernen Vorhang, und niemand dachte bei der Nennung dieser Stadt an Orgasmen. Dem Verlag Langen Müller war das aber zu anstößig, also wurde das Buch unter dem Titel "Gib acht, Genosse Mandelbaum!" veröffentlicht. Seit Anfang der Neunzigerjahre ist es unter dem vom Autor gewünschten Namen erhältlich, gerade ist eine Taschenbuchausgabe bei dtv erschienen, die auf der Gesamtausgabe im Berliner Dittrich Verlag beruht.  Heute ist der Titel eher Ballast für den Roman. Er hat jede Provokation und alles Überraschende eingebüßt.  "Moskauer Orgasmus" klingt jetzt wie ein Porno, der die Fantasien irgendwelcher deutschen Spießer über willige Nutten aus Osteuropa bedient.

Aber Edgar Hilsenrath ist mittlerweile 84. Ältere Menschen werden bekanntlich immer unflexibler. Die Weisheit, sich von einer Idee, die vor 30 Jahren mal gut, war zu verabschieden, darf man von einem Greis wohl nicht mehr erwarten.

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