Mittwoch, 26. Januar 2011

Der Blutsäufer Kleist

Wenn in diesem Jahr überall des 200. Todestages Heinrichs von Kleist gedacht wird, dann wohl eher wegen seiner Dramen und Prosatexte als wegen seiner Gedichte. Selbst Kleists journalistische Arbeiten haben mehr Ewigkeitswert als seine Poesie.

Interessant sind die Gedichte nur als Zeitdokumente und weil sie gelegentlich einen Schauder erregenden Blick in das instabile Hirn eines großen Dichters zulassen. Durch Zufall bin ich einmal auf "Germania an ihre Kinder" gestoßen, ein Gedicht, in dem Kleist seine Landsleute zum allumfassenden Volkskrieg gegen die damals ganz Europa beherrschenden Franzosen aufruft. Darin heißt es:

Alle Triften, alle Stätten
Färbt mit ihren Knochen weiß; 
Welchen Rab und Fuchs verschmähten, 
Gebet ihn den Fischen preis;
Dämmt den Rhein mit ihren Leichen;
Laßt, gestäuft von ihrem Bein,
Schäumend um die Pfalz ihn weichen,
und ihn dann die Grenze sein.


Eine Lustjagd, wie wenn Schützen
Auf die Spur dem Wolfe sitzen!
Schlagt ihn tot! Das Weltgericht
Fragt euch nach den Gründen nicht!

Mich hat das immer an das Gedicht erinnert, das Osama Bin Laden im Januar 2001 in Afghanistan auf der Hochzeit eines seiner Söhne vorgetragen haben soll. Darin feierte er den im Oktober 2000 geglückten Selbstmordanschlag auf den US-Zerstörer "Cole", der im Hafen von Aden (Jemen) aufgetankt werden sollte, als neben ihm ein mit Sprengstoff gefülltes Schlauchboot auftauchte - und die Attentäter sich in die Luft sprengten. Darin berauscht sich der Terrorchef u. a.:

Die Körperteile der Ungläubigen 
flogen wie Staubkörnchen umher. 
Hätten wir es mit eigenen Augen gesehen, 
unsere Herzen wären von Freude erfüllt.

Beide Texte haben ein paar unangenehme Gemeinsamkeiten. Sowohl Osama Bin Laden als auch Heinrich von Kleist feiern den Widerstand mit allen Mitteln gegen die in ihrer Epoche scheinbar unbesiegbare, weltbeherrschende, technologisch und kulturell übermächtige Großmacht. Und beide versteigen sich dabei zu einer Art Gewaltpornographie - anders kann ich diese leicht aufgegeilte Sich-Suhlen im Anblick zerfetzter Körper nicht nennen.

Man muss die Parallelen nicht überinterpretieren, aber das "Germania"-Gedicht gibt doch einen ziemlich düsteren Einblick in die pathologische Seite des Mannes, der ein paar Jahre später Selbstmord beging. Seine blutdürstige Verstörtheit offenbart sich erst recht im Vergleich zum Ideal von Maß und Humanität, das damals die Autoren der Weimarer Klassik pflegten und propagierten. Goethe hätte sich niemals zu solcher Brutalität hinreißen lassen. Kleist dagegen hat solche anstößigen Gewaltfantasien auch in seinen bedeutenderen Werken ausgelebt - etwa, wenn er Penthesilea den geliebt-gehassten Achill gemeinsam mit ihren Hunden zerfleischen lässt. Andererseits macht dieses Unausgewogene z. T. auch Kleists Modernität aus - es lässt ihn nicht so marmorn und erhaben wirken wie manchen seiner Zeitgenossen.

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