Samstag, 8. Januar 2011

Architekturverbrechen in Heidenheim

Ich war über Silvester mit Frau und Tochter ein paar Tage bei meinen Schwiegereltern in Heidenheim. Seit bald zehn Jahren stehe ich immer wieder fassungslos vor dem Rathaus dieser Schwäbischen Stadt, das zweifellos eines der scheußlichsten Architekturverbrechen Deutschlands ist.

Rathaus Heidenheim
 Betrachtet man nur das Gebäude für sich allein, ist seine Hässlichkeit gar nicht so einzigartig.  Ein Freund hat mich darauf hingewiesen, dass es dem Rathaus von Offenbach fatal ähnlich sieht. Er ahnte gar nicht, wie recht er hatte: Beide Häuser werden in der Nr. 11 der Zeitschrift Bauwelt aus dem Jahre 1973 als Beispiele für wegweisende Rathausneubauten vorgestellt.

Sowohl das Heidenheimer Rathaus als auch das von den Architekten Maier, Graf, Speidel und Schanty errichtete Verwaltungszentrum vom Offenbach sind Beispiele eines baulichen Brutalismus, mit dem man sich vor allem in den Sechziger- und Siebzigerjahren gewollt revolutionär von den Architekturtraditionen der Vergangenheit abheben wollte. Damals galten ja Gründerzeitbauten auch noch nicht als schön, sondern als verschnörkelter Ausdruck einer imperialistischen Gesinnung, die Deutschland in den 1. Weltkrieg getrieben hatte.

Wahrscheinlich dachten die Heidenheimer Stadtväter Anfang der Sechzigerjahre ähnlich kritisch über das alte Rathaus der Stadt. Auf die Idee, die Verwaltung einfach so weit zu reduzieren, dass sie weiterhin in diesem schönen 19.-Jahrhundert-Bau Platz finden würde, kam man jedenfalls nicht.

Damals galt, was Robert Gernhardt so einzigartig in seinem 1997 veröffentlichten  Gedicht "Ein ebenso informatives wie interessantes Gespräch mit der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg 10" formuliert hat:

"Sag an, wann haben sie dich gebaut?
Mich haben sie 1960 gebaut.
Sag, woran habt ihr damals geglaubt?
...
Wir haben an rechte Winkel geglaubt.
Wir haben an reine Formen geglaubt.
...
Wir haben an Glas und Schiefer geglaubt
...
Uns hat vor Schmuck und Verzierung gegraut.
...
Wir haben an blanken Beton geglaubt.
...
Uns hat vor Provinz und Geschichte gegraut.

Leute wie Werner Düttmann, der das von Gernhardt direkt angesprochene Haus erbaute, wollten "die Last von Kriegsschuld und Zerstörung mit einem radikalen baulichen Traditionsbruch abschütteln", schreibt der Kritiker Michael Mönninger.

Ein Jahr nach der Fertigstellung des Berliner Akademiegebäudes, am 7. November 1961, gewannen die damals erst 27 Jahre alten Robert Ackermann  und Hans-Jürgen Hüttche aus Warmbrunn den ersten Preis beim Architekturwettbewerb für das neue Heidenheimer Rathaus. Das Preisgeld wurde von 7000 DM auf 10 000 DM erhöht wegen der "überragenden Leistung", berichtet eine Heidenheimer Lokalchronik. Zwar stellte sich später heraus, dass die jungen Architekten gar nicht berechtigt gewesen wären, an dem Wettbewerb teilzunehmen. Trotzdem wurde ihr Entwurf unter der Leitung des Zweitplatzierten im Wettbewerb, Jürgen Schwarz aus Stuttgart, ausgeführt. Eingeweiht wurde der Bau aber erst am 3. November 1973. Die "Heidenheimer Zeitung" feierte das als ein "Jahrhundertereignis", und das Foto fängt die Atmosphäre eines Beinahe-Gottesdienstes ein.




In der Zeitschrift Bauwelt (Nr. 11 vom 19. März 1973) wird die Entstehungsgeschichte des Rathauses von den Architekten selbst so beschrieben:

Die Stadt hat heute etwa 51 000 Einwohner. Der Beschluß, ein neues Rathaus zu bauen, wurde 1960 gefaßt; die Mitarbeiter der Stadtverwaltung arbeiteten in neun verschiedenen Gebäuden. Die Bauarbeiten begannen 1964. Sie wurden nach Inbetriebnahme des 1. Abschnitts der Rathausgarage aus finanziellen Gründen bis 1968 unterbrochen; fertiggestellt wurde das Haus 1972.
Der Entwurf ordnet die Räume der Verwaltungen konzentriert in einem neungeschossigen, x-förmigen Hauptbau an; Sitzungsäle, Fraktionszimmer und die besonders stark besuchten Räume liegen in den beiden ersten Geschossen, die repräsentative Raumgruppe lädt seitlich aus.
Der Hauptbau - eine zweibündige Anlage mit Nord- und Südräumen - hat Bürohauscharakter. Verkehrszonen und Flure sind mit Tageslicht unmittelbar und über die Bürozone hinweg belichtet. Räume mit großen Flächen lassen sich vorzugsweise an den Flurenden herstellen.
Im 8. Obergeschoss stehen dem Personal ein Speiseraum und eine Dachterasse zur Verfügung.
Der umbaute Raum (einschließlich Tiefgarage) beträgt 62 995 m3, die Baukosten betrugen 18,745 Millionen DM.

Was das Gebäude heute so unglaublich gewalttätig wirken lässt, ist vor allem die zynische Ignoranz gegenüber jeder städtebaulichen Proportion. Heidenheim ist kein besonders pittoresker Ort, aber es gibt eine Altstadt, von der in den Sechziger- und Siebzigjahren noch mehr vorhanden war als jetzt - denn bis in die jüngste Zeit sind z. T. denkmalgeschützte Gebäude mit dubiosen Begründungen abgerissen worden. Bei den etwa zur gleichen Zeit wie das Rathaus entstandenen Gebäuden an der Hauptstraße erkennt man manchmal wenigstens den Willen, sich an die historisch gewachsenen Formen anzupassen: Sie haben oft Giebeldächer wie die Altbauten und orientieren sich an deren Höhe.

Nichts davon beim Heidenheimer Rathaus: Monströs überragt es die Umgebung, es ignoriert auch gnadenlos den historischen Stadtgrundriss. Vor dem Rathaus ist eine Art "Platz", der, soweit ich das von meinen Besuchen erkennen kann, weder zum Niederlassen und Verweilen einlädt noch jemals für irgendwelche Veranstaltungen genutzt wird. Er entstand wohl einzig und allein aus der in der Nachkriegszeit so weit verbreiteten Abneigung gegen die sogenannte Blockrandbebauung, die echte altmodische Straßenecken hervorbringt. Irgendjemand hat mir mal erklärt, das wäre nicht nur eine Architekturmode gewesen, sondern eine Erfahrung des Bombenkriegs: Damals hätte sich gezeigt, dass Eckgebäude in Blocks, wenn sie getroffen werden, besonders große Zerstörungen anrichten. Ich kann den Wahrheitsgehalt dieser Erklärung nicht überprüfen.

Am offensichtlichsten wird die Vergewaltigung des Stadtbildes durch das Rathaus, wenn man vom eigentlichen Heidenheimer Wahrzeichen herab ins Tal blickt: Auf dem die Stadt überragenden Hellenstein steht ein um 1600 im Renaissancestil entstandenes  Jagdschloss der Herzöge von Württemberg. Dort hinauf klettern die nicht allzuvielen Touristen, die es in diese weder berühmte noch gut erreichbare Stadt verschlägt. Von da sehen sie dann, wie das Rathausmonstrum die gesamte Silhouette der Stadt in frecher Weise prägt. Der gewaltige Betonhaufen schiebt optisch sogar die eigentlich viel höhere Pauluskirche beiseite und beherrscht selbstgefällig das Panorama. Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich nur: "Hoffentlich hat wenigstens irgendein korrupter Baustadtrat oder Bürgermeister eine Menge Geld damit verdient - damit dieser Albtraum wenigtens für irgendetwas gut war."

Aber wer weiß? Vielleicht bin ich als Ortsfremder ja der einzige, der diese Brutalität so schmerzlich empfindet und die Heidenheimer sind stolz auf ihr einst als so "überragend" empfundenes Rathaus ("überragend" ist es ja auch - wenn auch in einem ganz anderen Sinne). Dafür spricht allerdings nicht viel. Der offizielle Stadtrundgang, zu dem die Internetseite Heidenheims einlädt, ignoriert das Rathaus komplett. Als einziges modernes Gebäude wird dort die vor einigen Jahren entstandene Einkaufspassage "Schloss Arkaden" für einen Abstecher empfohlen.


Kirchenbau von Robert Ackermann
Auch die weitere Karriere der beiden Architekten gibt keinen Hinweis darauf, dass das Rathaus irgendwo als genialer Wurf empfunden wurde oder wird. Robert Ackermann hat 1974 noch die Auferstehungskirche in Unteraichen, einem Stadtteil von Leinfelden-Echterdingen, gebaut. Hans Jürgen Hüttche scheint nie wieder an einem Gebäude mitgewirkt zu haben, dessen Konstrukteur im Internet für erwähnenswert befunden wurde.

Aber es gibt Hoffnung auf Nachruhm. Der Beton-Brutalismus hat in deutschen Denkmalsbehörden neue Liebhaber gefunden. Das Rathaus der Stadt Offenbach, das schon bei seiner Entstehung als "vorbildlicher Bau" in Hessen ausgezeichnet wurde, steht jetzt als "gelungenes Beispiel von Sichtbetonarchitektur" auf der hessischen Denkmalsschutzliste.

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