Sonntag, 19. Dezember 2010

Wir werden weniger, aber das ist nicht so schlimm

Die Zahl der Austritte aus der katholischen Kirche ist unter dem Eindruck des Missbrauchsskandals in diesem Jahr ganz offensichtlich  gestiegen. Mich wundert es nicht, denn ich kenne viele unzufriedene Katholiken, die mit ihrer Kirche deswegen hadern - vom einfachen Gemeindemitglied bis zum Priester. Auch kenne ich mindestens eine Frau, die deswegen aus der katholischen Kirche ausgetreten ist. Bei ihr war die Entfremdung vom traditionellen Glauben allerdings längst schon ziemlich weit fortgeschritten.

In einem spontanen Kommentar zu einer Meldung bei evangelisch.de, die heute auch anderswo verbreitet wurde, habe ich dargelegt, warum es keinen Grund für Schadenfreude oder protestantisches Triumphgeheul gibt.

Erstens ist die Zahl der Kirchenaustritte bei uns am Ende des Jahres wahrscheinlich trotzdem wieder höher als bei den Katholiken - so wie seit Jahrzehnten.

Zweitens wird man als Protestant von der nichtgläubigen Umwelt doch immer für alles, was bei den Papisten schieffläuft in Sippenhaft genommen. Die Medien berichten z. T. auch von einer Austrittswelle bei "den Kirchen" oder "der Kirche".

Und drittens versinkt die evangelische Kirche doch nach Frau Käßmanns Rücktritt wieder in der gewohnten funktionärshaften Graumäusigkeit.

Ich persönlich bin kein Freund von Frau Käßmanns politischen Ansichten und mag auch ihr manchmal etwas harfenjulenhaftes Auftreten nicht. Aber sie ist doch jemand, der Menschen inspirieren konnte - was man von Herrn Schneider und unserem Berliner Bischof Herrn Dröge gewiss nicht behaupten kann. Das wäre nicht so schlimm, wenn diesen Herrn nicht obendrein das intellektuelle und theologische Format abgehen würde, das Bischof Huber auszeichnete. Sie sind beide ein beredtes Zeichen für die grundsätzliche Misere der evangelischen Kirche: Für Leute mit Ausstrahlung und der Fähigkeit, Menschen spirituell zu erwecken, ist sie nicht sehr anziehend.

Finden wir uns damit ab: Wir Christen werden insgesamt weniger. Das ist nicht so schlimm. Denn es bringt uns dem ursprünglichen Christentum näher. In einer Welt, in der es - wie in der Antike der ersten Christen - religiöse und philosophische Konkurrenz gibt, ist man gezwungen, seinen eigenen Glauben schärfer zu formulieren. Anfeindungen - und mögen sie noch so dämlich sein - zwingen uns dazu, uns mit der Geschichte und den Dogmen des Christentums zu beschäftigen, um uns argumentativ zu rüsten.

Wenn man nicht mehr selbstverständlich in eine rundherum christliche Gesellschaft hineingeboren wird, muss man wissen, warum man weiterhin glaubt, oder auch nur, warum man weiterhin Mitglied einer der beiden Großkirchen bleibt. Man muss sich selbst intensiver befragen, man muss die Schriften genauer studieren und  man muss das Leben, derjenigen, die Vorbilder sein können, besser kennen. Gedankenloses reines Kirchensteuerzahler-Christentum wird seltener werden.

Auch werden die Kirchen durch den Mitgliederschwund und durch die schrumpfende Unterstützung vom Staat zu strukturellen Reformen gezwungen sein. Sie werden sich weniger Bürokratie, weniger Museumspflege und weniger Ausgaben nichtswürdiges Personal leisten können. Irgendwann wird sich vielleicht auch mal ein Bischof für seine Leistungen rechtfertigen müssen - ein kühner Gedanke, fürwahr, vor allem mit Blick auf die Katholiken. Aber Gemeindemitglieder werden grundsätzlich noch mehr mitarbeiten müssen und sie  werden dafür mehr Mitspracherechte fordern. Ich bin überzeugt davon, dass die evangelische Kirche aufgrund ihrer demokratischeren Struktur für die Zukunft besser gerüstet ist als die katholische.

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