Montag, 6. Dezember 2010

There Is No Such Thing Thing As Conspiracy

Ich glaube nicht an Verschwörungen; ich glaube an Dilettantismus und Geschwätzigkeit. Ich lache über das priesterliche Gehabe, mit dem Julian Assange für seinen neuen Kult der Eingeweihten und Reinen wirbt, die den Schleier der falschen Welt gelüftet haben und denen sich die Wahrheit nun offenbart. Religionsgeschichtlich ist das Neo-Manichäer-Tum, Neo-Gnostik oder Neo-Katharer-Wesen. Er scheut sich ja nicht mal, das System, das er attackiert, als apokalyptisches "Beast" (hier in einem Text aus seinem Blog, der mittlerweile Wikileaks-Manifest genannt wird) zu bezeichnen, als wären ihm alle 666 Tassen gleichzeitig aus dem Schrank gefallen, als der Geist der Johannes-Offenbarung in ihn fuhr (hier ein aufschlussreidher SZ-Artikel zu Assanges Denken).

Ich glaube nicht mehr an Verschwörungen, seitdem ich selber mal im Zentrum einer Verschwörungstheorie stand. Am 10. Juli 1990 veröffentlichte die "Braunschweiger Zeitung" auf der Aufschlagseite ihres Lokalteils einen Artikel von mir mit zahlreichen Bildern von den Jubelfeiern, zu denen sich spontan Tausende in der Innenstadt versammelt hatten, nachdem Deutschland am Abend des 8. Juli in Rom Fußballweltmeister geworden war. Der Text war freundlich ironisch gehalten, und er begann mit den Worten: "Ein schwarzrotgoldener Indianerstamm ist unterwegs zum Bohlweg. Ihr Großer Manitu heißt Kaiser Franz." Eine Woche später bekam ich an einem Kneipentisch draußen vor dem Bossa Nova von einem altlinken Faktotum ein auf grauem Umweltpapier fotokopiertes Flugblatt in die Hand gedrückt, das ein Faksimile dieses Artikels zeigte. Darin wurde die "Braunschweiger Zeitung" (ein provinzkonservatives Scheißblatt, führwahr) beschuldigt, mit meinem Artikel nationalistische Hetze zu betreiben. Als Beleg wurde ernsthaft der Manitu-Satz zitiert. Und alles wurde natürlich in einen größeren Zusammenhang gestellt. Es gab damals ein  besetztes Haus in der Böcklerstraße, über das der Polizeireporter der BZ, mein guter Freund Sven, häufig berichtet hatte.  Neben Geschichten über Zusammenstöße zwischen Polizei und Besetzern waren das auch Artikel, in denen genervte und z. T. ziemlich verzweifelte Anwohner eines kleinbürgerlich-proletarischen Viertels zu Wort kamen. In der Verschwörungstheorie, die das Flugblatt verbreitete, wurde das alles zum Teil eines  konspirativen Plans: Auf der einen Seite brachte die BZ den kryptofaschistischen Pöbel in nationalistische Hitzewallungen, auf der anderen Seite bereitete sie propagandistisch die Räumung der letzten linken Widerstandnester vor. Und zu guter Letzt erregte sich das Flugblatt, das wie üblich mit "V. i. S. d. P. August Merges" (so hieß der Schuster, der während der Revolution 1918 in Braunschweig die Roten Aufständischen anführte) gezeichnet war, auch noch darüber, dass die BZ kein Wort über die Verwüstungen verloren hätte, die der deutschnationale Mob in der Innenstadt angerichtet hatte. Das irritierte mich am meisten: Seit wann regten sich die Bewohner der Böcklerstraße denn über eingeschlagene Fenster bei McDonalds auf?

Es war der reine Schwachsinn. Denn nicht ein einziger von den bräsigen Herrschaften in der Lokalredaktion der Braunschweiger Zeitung war am Endspielabend auf die Idee gekommen, dass man nach einem gewonnenen Finale vielleicht mal einen Reporter in die Stadt schicken müsste. Ich war rein zufällig dagewesen, weil ich einfach mitfeiern wollte. Und als ich am nächsten Morgen in die Redaktion kam, waren sie immer noch nicht gleich begeistert, von der Idee, etwas Größeres über die Fan-Feiern zu machen. Das Phänomen war damals noch neu, und die mittelalten Redakteure misstrauten den spontanen Zusammenrottungen der Jugend. Erst das von mir und Sven beharrlich vorgetragene Argument, das würde eine Seite, die sich Zehntausende für alle Ewigkeit aufheben würden, überzeugte sie.

Der Artikel musste allerdings gegen den hartnäckigen Widerstand des Chefredakteurs durchgekämpft werden. Arnold Rabbow war ein extrem verklemmter Mann, ein renommierter Heraldiker, der ein "Lexikon der politischen Symbole" bei dtv veröffentlicht hatte und Wappen für neu entstandene Gemeinden entwarf. Nichts fürchtete er mehr als Menschen und Spontantität. Die Unberechenbarkeit großer Volksmassen war ihm ein Grauen. Die Nation war ihm nicht so wichtig. Und für Fußball interessierte er sich schon gar nicht. Die Tatsache, das in dem Massenauflauf am Bohlweg zwei oder drei Scheiben zu Bruch gegangen waren entsetzte ihn. Er bestand darauf, dass mein Artikel mit mindestens einem fotografischen Dokument dieser entsetzlichen Zerstörungen zu bebildern sei. Die Linken hatten also obendrein auch nicht genau hingeschaut. Sonst hätten sie in Rabbow einen verwandten Geist entdecken können.

Seitdem glaube ich nicht mehr, dass in Medien irgendwelche grauen, einflussreichen Herren Kampagnen ersinnen, die bis hinunter zum letzten Schreibknecht wiedergekäut werden müssen. Und ich habe auch keine Veranlassung, anzunehmen, dass derartige Verschwörungen in anderen großen Institutionen existieren und funktionieren. Wer das glaubt, hat zuviel James Ellroy gelesen. Oder zuviel "Illuminati". Oder zuviel Julian Assange.

Der Graben verläuft an dieser Stelle nicht wirklich zwischen Rechts und Links. Rechte Verschwörungstheoretiker gibt es ja mindestens seit den "Protokollen der Weisen von Zion" auch. Er verläuft zwischen Paranoikern und denen, die an Zufälle, Unzulänglichkeiten und menschliche Schwächen glauben. Der Paranoiker sieht überall Zusammenhänge. Für ihn war klar, dass sich ausgerechnet die Schweden zum Handlanger Amerikas und des "großen Tieres" gemacht haben, indem sie einen Vergewaltigungsvorwurf gegen Assange konstruieren. Wie viele Henning-Mankell-Romane muss man eigentlich geraucht haben, um das zu glauben? Und wie passt eigentlich zu solcher Paranoia, dass ausgerechnet die amerikahörigen Briten Assange wegen eines Formfehlers im Interpol-Haftbefehl noch nicht festgenommen haben?

Das bestätigt doch wohl eher wieder die Verfechter der These von der Weltbeherrschung des Dilettantismus. Sie wissen, dass die meisten scheinbaren Zusammenhänge nur in der Einbildung von Systemwahnsinnigen existieren. Maggie Thatcher ist einst mit dem berühmten Satz "There is no such thing as society" zitiert worden. Das war auch eine Äußerung jenes grundsätzlichen Zweifels an der Existenz von allgegenwärtigen, alleserklärenden Zusammenhängen. Sie meinte damit: Nicht jeder, der kriminell wird, ist Opfer irgendwelcher politischen oder gesellschaftlichen Faktoren geworden. Und es wird auch kein Wirbelsturm im Pazifik durch den Flügelschlag eines Schmetterlings in Europa ausgelöst.

Linke dagegen glauben so sehr an Zusammenhänge, dass sie in den letzten 20 Jahren sogar ältere Wörter wie "Milieu", "Umfeld", "Gruppen" oder "Gesellschaft" durch den Begriff "Zusammenhang" (meist im Plural ersetzt haben. Ein zufällig gegoogeltes Beispiel aus Indymedia: "Von sechs anarchistischen Zusammenhängen gemeinsam verfasster Text zu den Geschehnissen am 5. Mai 2010"

In den vergangenen ungefährt 35 Jahren habe ich für die unterschiedlichsten Unternehmen und Institutionen gearbeitet. In dieser Zeit habe ich viel Dilettantismus, viel Resourcenverschwendung, viel eitle Selbstberauschung, viel instutionelle Trägheit, viel aufgeblasenes Schnöseltum, viel Herumgestochere im Nebel des Markts, viele feudalistische Gutsherrenentscheidungen, viel beleidigtes Leberwurstgetue, viel teure Kumpelei, viel Rivalität zwischen Leitungshengsten und viel Geblendetsein von alten großen Namen erlebt, aber nichts von der Dämonie, der Disziplin, der Hartnäckigkeit, der langfristen Planung und der systematischen Intelligenz entdecken können, die für Verschwörungen nötig wären.

Als in den Nachwehen des 11. September 2001 die Verschwörungstheorien ins Kraut schossen, entdeckte ich dort eigentlich nichts, das ich mir nicht mit dem erklären konnte, was ich während meiner Berufstätigkeit über die Schwerfälligkeit großer Institutionen gelernt hatte. Bestimmte Informationen waren gewiss einfach nicht nach oben weitergegeben worden, weil der Mann unten entweder mit den Gedanken schon im Feierabend war, weil er zu dumm war, ihren Wert zu erkennen, oder - am allerwahrscheinlichsten - weil ihm solche Eigeninitiative in 20 Jahren auf seinem Sicherheitsbürokratenposten ausgetrieben worden war.

Und wenn es anders gewesen wäre, wenn es eine Verschwörung gegeben hätte - wir hätten es längs erfahren. Denn es gibt zuviele Helmut Metzners oder Bradley Mannings auf der Welt, um irgendetwas auf Dauer geheim zu halten. Dieser Typus des kleinen wichtigtuerischen Schwätzers, der Geheiminisse verrät, deren Wert er oft selbst gar nicht berurteilen kann, hat die Weltgeschichte mehr beeinflusst als alle Superhirne an der Spitze von Spionageorganisationen von Fouché über Markus Wolff bis Julian Assange. Dicht auf den Fersen ist ihnen der Typus des enttäuschten Gefolgsmannes, der seine Leistungen nicht richtig gewürdigt sieht und der deshalb plötzlich illoyal wird und plaudert - ihre Reihe fängt mit Benedict Arnold, der die Kolonien im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg an die Engländer verriet, nicht an und hört mit Konstantin Neven DuMont nicht auf.

Die Wikileaks-Veröffentlichungen bestätigen das. Seit einer Woche haben ja nicht bloß ich und Umberto Eco das Gefühl, das man darin eigentlich nur sein Zeitungswissen bestätigt bekommt. China selbst steckt hinter den Hackerangriffen auf Google? Oh wow, wer hätte das gedacht. Berlusconi ist ein Witzfigur? Sarkozy ein Kaiser ohne Kleider? Nordkorea strebt nach der Atombombe? Die Türkei driftet immer mehr hin zum radikalen Islam? Die Amis sehen die deutsche Regierung nicht immer freundlich? US-Botschafter versuchen, die Politik in den jeweiligen Ländern im Sinne ihres Landes zu beeinflussen? Wegen so was hält die Medienwelt den Atem an.

Die Dokumente bestätigen doch nur, dass es die "conspiracy as goverance" von der Assange fantasiert, eben nicht gibt. Sondern nur einen globalen Strom von Belanglosigkeiten, dessen einer Flussarm die Medien und dessen anderere Verzweigung die diplomatische Kommunikation ist. Deswegen sind ja auch die echten Konspirationsfanatiker so enttäuscht. Alle, die sich Aufklärung über die verschleierten Hintergründe des 11. September, der Kriege gegen Afghanistan oder Irak oder die Verstrickung von hoher Politik und Bankenwesen erhofft hatten, müssen doch jetzt total desillusionert sein. Die jüdisch-amerikanische Weltverschwörung lässt sich darin ebenfalls nirgendwo entdecken. Irans Ahmadinedschad hält die Wikileaks-Veröffentlichungen bekanntlich für einen Trick, mit dem die USA von ihren innenpolitischen Problemen ablenken wollen. Ich kann verstehen, dass er sich mehr erhofft hatte.

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