Dienstag, 7. Dezember 2010

Julian Assange ist der Roman Polanski der Nerds

Die Unschuldsvermutung gilt für jeden Angeklagten. Aber irgendwie gilt sie für manche Leute immer ein bisschen mehr. Nämlich für die Lieblinge der alten Kulturschickeria und der neuen Internetgemeinde.

Nehmen wir mal an, ein hässlicher fetter CSU-Politiker wäre wegen der analen Vergewaltigung einer 13-Jährigen angeklagt worden - schwer vorstellbar, dass es für ihn solche Solidaritätsadressen geregnet hätte wie für Roman Polanski. Aber der ist ja auch Künstler, und für die gelten andere Gesetze.

Nehmen wir mal an, ein Manager der Atomindustrie würde von Schweden wegen Vergewaltigung mit einem internationalen Haftbefehl gesucht. Ganz sicher würde nicht das ganze Internet nach Indizien für seine Unschuld suchen, wie es jetzt die weltweite Gemeinde der Nerds beim heute morgen verhafteten Julian Assange tut.

Nehmen wir man an, ein etwas machohafter Wettermoderator aus dem deutschen Fernsehen würde wegen einer Beziehungsvergewaltigung verhaftet und über Gebühr lange in U-Haft gehalten. Kein anarchistischer Verschwörungstheoretiker würde ihm argumentativ zu Hilfe eilen. Vergewaltigung galt in diesen Kreisen doch bisher als ein Verbrechen, bei dem schon die Anklage tötet.

Julian-Assange-Shirt (gesehen bei Zazzle)
Aber bei Assange funktionieren die linken "Lasst Vergewaltiger ins offene Messer rammeln"-Reflexe nicht mehr. Denn er ist unser. Sogar die ganz alten, ganz rechten Phrasen, mit denen wahrscheinlich schon Tarquinius Superbus, der sagenumwobene letzte König von Rom, die Glaubwürdigkeit der von ihm vergewaltigten Patrizierin Lucretia zu unterhöhlen versuchte, sind jetzt anscheinend wieder zulässig: "Sie wollten es doch auch", "Sie wollten sich nur rächen", "Sie sind doch erwachsene Frauen", schreibt sinngemäß Julian Assanges australischer Ex-Anwalt James D. Catlin in diesem Text. Und auch die Tatsache, dass die eine der beiden Frauen, die den Wikileaks-Gründer beschuldigen,   "Verbindungen" zu einer von der CIA unterstützten Anti-Castro-Gruppe (gibt es auch andere?) hat, unterminiert in den Augen von Assanges Gemeinde ihre Glaubwürdigkeit. Als wäre Castro-Gegnerschaft eine moralische Verfehlung.


Aber genau als das gilt sie wahrscheinlich in diesem politischen Spektrum. Und deswegen dürfen wir uns auf eine Solidaritätskampagne von "Cuba si!"-Ausmaßen gefasst machen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis Assanges Konterfei - wie das von Jesus, Johnny Cash oder Gandhi - als Sprühgraffiti in Berlin-Mitte auftaucht. Julian-Assange-T-Shirts gibt es hier. Eines davon zeigt einen Che Guevara, der ein Hemd mit Julian Assange darauf trägt. Bald werden solche Dinger die ohnehin etwas aus der Mode gekommenen "Free Mumia!"-Lappen verdrängt haben. Und mit einem Anwalt wie diesem, muss man sich wahrhaftig keine Sorgen um Assange machen. Ein paar Wochen U-Haft in Schweden (!) sind ein geringer Preis für den Status der Heiligkeit, den Assange offenbar anstrebt.

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