Mittwoch, 15. Dezember 2010

Die USA sollten Assange lieber einen Orden verleihen

Heute erreichte uns die Nachricht, dass die US Air Force auf  ihren Computern Seiten von Medien wie dem Spiegel und dem Guardian hat sperren lassen, die die Wikileaks-Dokumente veröffentlichen. Die Aktion ist zurecht als steinzeitlich und dumm verspottet worden. Bescheuert ist sie auch deshalb, weil sich doch langsam aber sicher auch bei den Amerikanern die Einsicht durchsetzen müsste, dass ihr Land und ihre Diplomaten nach knapp drei Wochen Enthüllungen eigentlich glänzend dastehen.

 Die großen Schweinereien und Lügen der Amerikaner, auf deren Entlarvung, sich die linke, antiamerikanische und pro-islamische Internetgemeinde so sehr gefreut hat sind doch bislang komplett ausgeblieben. Selbst die vermeintlichen Skandalgeschichten werfen eher ein schlechtes Licht auf die Länder, aus denen die Diplomaten berichten als auf die USA. Wenn der US-Botschafter schreibt, britische Geheimdienstleute hätten den Russen signalisiert, sie hätten die Mörder des russischen Ex-Spions Alexander Litwinenko schon so gut wie verhaftet und diese ihnen dann doch durch die Lappen gingen, dann zeigt das doch nur, welch realistisches Bild die Amerikaner  sich vom vermeintlichen Lieblingsverbündeten des Ex-Präsidenten George W. Bush machten.

Auch die Berichte aus Ländern wie Tunesien, Italien, Kasachstan, Türkei, Russland oder Bolivien sind ja nicht für die USA peinlich (hier die fantastische interaktive Weltkarte des Guardian, bei der man die Berichte nach Ländern sortiert anklicken kann). Wenn Russland als "Mafia-Staat" bezeichnet wird, dann regt sich darüber doch nur Putin auf. Wenn es über die tunesische Präsidentengattin heißt, sie sei beim Volk als Schlangenhaupt der allgegenwärtigen Korruption verhasst und ihr dekadent im Luxus schwelgender Schwiegersohn würde sich einen Tiger als Haustier halten - ähnlich wie es einst Udai Hussein mit Löwen tat, dann spricht das ein klare im positiven Sinne undiplomatische Sprache über die Verhältnisse im Land.

Wenn ein Amerikaner das sagt, kann man es möglicherweise noch als Ablenkungsmanöver verstehen. Der Außenpolitik-Experte Leslie H. Geld schrieb schon vor einer Woche auf dem Online-Magazin The Daily Beast die Depeschen zeigten eben keinen Schurkenstaat, sondern stattdessen: "A United States seriously and professionally trying to solve the most dangerous problems in a frighteningly complicated world, yet lacking the power to dictate solutions.

Das hat auch ein der pro-amerikanischen Voreingenommenheit gewiss unverdächtiger Alt-Linker wie Günter Wallraff gemerkt, der über die Wikileaks-Enthüllungen sagt: "Ich hatte plötzlich Respekt vor den amerikanischen Diplomaten: Wie treffend sie doch unsere Politiker charakterisieren und wie realistisch ihre Einschätzungen über die Türkei, Russland und andere Weltregionen sind."

Ähnliches hat der Kolumbianer Hector Abad überrascht festgestellt. In dem Magazin El Espectador schreibt er (Übersetzung von Perlentaucher): "Was Kolumbien angeht, steht die Gringo-Diplomatie erstaunlich gut da: Liest man die veröffentlichten Diplomatenkabel, setzen sich die US-Beamten offensichtlich für ehrenwertere und demokratischere Dinge ein als ihre offiziellen kolumbianischen Gesprächspartner. Interessanterweise üben die Nordamerikaner in Fragen wie der Beachtung der Menschenrechte, der Problematik von Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren, Versuchen, Abgeordnete einzuschüchtern, unangemessenem Verhalten der Streitkräfte, Kompromissen im Kampf gegen Drogenhändler und Guerrilleros tatsächlich Druck aus! Wer dagegen schlecht wegkommt, sind die kolumbianischen Beamten auf der Gegenseite, ganz besonders Ex-Präsident Uribe und dessen Untergebene. Selbst mit Blick auf Hugo Chavez erweisen sich die Gringos als vernünftiger. Während Uribe Chavez - ähnlich großmäulig wie Chavez selbst - mit Hitler vergleicht, beschreiben die Amis ihn als 'aufgeweckten Politiker und geschickten Strategen'."

Zum gleichen Schluss ist auch ein Autor des britischen Magazins The Economist gekommen.Er schreibt: "Es fiele schwer, Amerika auf der Grundlage der wenigen hundert Depeschen, die bisher veröffentlicht wurden, zu dämonisieren. Und man kann auch nicht sagen, dass Wikileaks Amerika verheerend geschadet hat."

Eine der kontroversesten Enthüllungen betraf die baltischen Staaten, die Ende 2009 darum baten, in die Nato-Verteidigungspläne für Polen und die Ostgrenze des Bündnisses einbezogen zu werden. Zwar tat Russland entsetzt und bat um sofortige Aufklärung. Aber auch Putin und Medwedew wussten ja schließlich, das Estland, Lettland und Litauen genau deshalb in die Nato eingetreten sind - um endlich wirkungsvoll vor ihrem großen annexionsfreudigen Nachbarn geschützt zu sein. Der Economist-Autor schreibt: " It is hard to imagine that anything in these leaks greatly surprised the Kremlin."

Überraschender waren schon die zahlreichen Enthüllungen, die belegen, dass die arabischen Staaten sich zur Zeit weniger Sorgen wegen Israel machen als wegen des Irans. Und dass sie alle die USA dazu drängen, härter gegen Ahmadinedschad & Co vorzugehen. Aber auch dies ist für die USA nicht ehrenrührig - im Gegenteil.

Die bisher bei Wikileaks veröffentlichten diplomatischen Depeschen zeigen eine Weltmacht, die auch ihre z. T. widerlichen Verbündeten absolut realistisch sieht und versucht, positiv auf diese Schurkenstaaten einzuwirken. Und sie zeigen, dass Amerika immer noch - wie zu Hitlers Zeiten - das Land ist, das man um Hilfe und Beistand bittet, wenn man sich von den hochgerüsteten Diktaturen der Welt bedroht fühlt. Darin sind sich so unterschiedlichen Systeme wie die arabischen Potentaten und die baltischen Demokratien einig.

Natürlich sind unter all den Veröffentlichungen immer mal wieder hübsche Klatsch-Fundstücke, wie etwa, dass die Militärherrscher von Birma überlegten, den Fußballverein Manchester United zu kaufen. Und es gibt tatsächlich auch gelegentliche Belege für handfeste Einflussnahmen von US-Diplomaten, die sich Poltiker z. B. in Mexiko oder Spanien, vielleicht nicht direkt kauften, aber sie wenigsten heftig puderten. Meist ist das aber gar nicht nötig: Die  Politiker in den meisten Ländern kommen ganz von alleine angeschlichen - so wie die deutschen Sozialdemokraten von Steinmeier bis Nahles, die sich bei US-Diplomaten über politische Gegner und Parteigenossen ausweinten und sich selbst als zuverlässige Partner empfahlen.

Ich bin selten einer Meinung mit Irans Präsidenten, aber sein Verdacht, es handele sich möglicherweise um eine gigantische Kampagne, mit denen US-Geheimdienste von den innenpoltischen Problemen des Landes ablenken wollten, ist auf jeden Fall besser begründet als die Meinung von Fidel Castro, der heute schreibt, Julian Assange und Wikileaks hätten das "Imperium" auf die Anklagebank gesetzt. Auch der Kolumbianer Hector Abad sieht es ähnlich wie ich: "Man ist geradezu versucht, dem iranischen Präsidenten Recht zu geben, wenn er sagt, die Weltmacht USA habe selbst für das Bekanntwerden der Dokumente gesorgt, um vor den Augen der Welt ein gutes Bild abzugeben."

Natürlich haben die Amerikaner das nicht getan. Denn wie ich geschrieben habe: Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien. Aber es wird die Zeit kommen, in der zumindest die intelligenteren amerikanischen Regierungsmitglieder begreifen werden, dass die CIA niemals einen erfolgreicheren Einflussagenten installiert hat als es jetzt ausgerechnet der Amerika-Hasser Assange ist. Und dann werden sie ihm womöglich einen Orden verleihen, statt ihn juristisch zu verfolgen und seine Webseiten zu sperren. Ganz nebenbei wäre das auch der sicherste Weg, ihn politisch zu erledigen. Weil das gerade nicht im Interesse der USA liegen kann, werden sie hoffentlich noch eine Weile damit warten.

Kommentare:

  1. irgendwie haben sie nicht bemerkt das es hierbei nicht darum geht wer gut oder schlecht dasteht, sondern darum das die gesamte weltpolitik genau so widergespiegelt wird wie nämlich wirklich ist:korrupt bist zum geht nicht mehr. übrigens, der Ahmandineschad ist selber ein bezahlter handlanger der usa. machen sie sich da nicht's vor..der wird noch etwas gebraucht um für miese stimmung zu sorgen. den zweiten wichtigen punkt den sie ausgelassen haben ist die zukunft des internets.

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  2. Merry Christmas!!
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  3. @Anomym
    Wow, gut dass es mal jemand gesagt hat. Danke für die Erleuchtung.

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  4. hallo herr heine. es ist schön zu sehen, wie sie ihr paket schnüren. leider ist nicht wirklich was drin. geäussert wird sich mit einer geschickt gesetzten, kritisch aussehenden polemik. trotzdem freut es mich, dass sie ihre mission nicht verdeckt unter dem ladentisch verkaufen, sondern offen und vielleicht sogar ehrlich mit ihr ins gefecht ziehen. die gewollte streitbarkeit nehme ich gerne an. ich habe mir die mühe gemacht, nicht nur diesen text zu lesen, sondern die ganze seite. da wird ja von vielem berichtet und das alles auch sehr nett. ganz so, als wenn da ein weltoffener, geistreicher gesandter zu uns spricht, der den beweis hat, dass hinter dem intellekt sowieso gott steckt. würde dieser gott nicht der wahre grund ihres profilneurotischen gewäschs sein, würde alles schon nach dem 2. satz in der bedeutungslosigkeit verenden. so aber gibt es den von ihnen provozierten angriffspunkt frei haus. es scheint inzwischen soweit zu sein, dass christen einen gewissen intellektuellen anspruch nach aussen tragen müssen, um sich noch mit ihrer letzten vermeintlichen glaubwürdigkeit über wasser halten zu können. sehr schlau bringen sie zugegebenermassen fudamentiertes wissen über architektur, goethe oder was auch immer in einen kontext, der den anschein erweckt, es würde sich hier um journalistisches handeln. verschachert wird hier aber eigendlich nur der gott eines ausnahmsweise belesenden protestanten. aus darwins evolutionstheorie wird der atheistische feind geformt. christen brauchen ja feinde. jede religion hat den antipart im ärmel, der bei bedarf herausgeschüttelt wird. nun, ich bezeichne mich als atheist. allerdings ist mir noch nicht in den sinn gekommen sie oder ihre glaubensbrüder/schwestern als gegenpol zu deklarieren. auch atheisten in meinem umfeld denken, soweit ich weiss nicht so. ehrlich gesagt reden wir nie über so uninteressantes. zumindest solange man nicht selbst ins fadenkreuz gerät. mir gehen leute die die evolutionstheorie als weltanschauung verhuren auch auf den sack. da bin ich mit ihnen confirm. unstreitig ist aber, dass in unserer gesellschaft doch das christentum dominiert, es besteht also kein grund, zu jammern. Auch wenns gut passt.

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  5. "als atheist. allerdings ist mir noch nicht in den sinn gekommen sie oder ihre glaubensbrüder/schwestern als gegenpol zu deklarieren. auch atheisten in meinem umfeld denken, soweit ich weiss nicht so"

    Sie müssen mir mal verraten, in welcher ökologischen Nische sich diese Art von Atheisten versteckt - ich lerne, wie gesagt, immer nur missionarische Westentaschen-Voltaires kennen oder Nicht-Gläubige, deren Schweigen einfach auf einer allgemeinen Stumpfsinnigkeit beruht.

    Lustig finde ich die Formulierung "eines ausnahmsweise belesenen Protestanten" - dabei haben Protestanten doch in Deutschland das Lesen (und Denken) mehr oder weniger erfunden.

    "Jammern" liegt mir fern - jammern ist atheistisch.

    Herzliche Grüße

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