Donnerstag, 2. Dezember 2010

Der Maulwurf war ein Hase mit Fliege

Helmut Metzner
Seit heute Nachmittag weiß die Welt, wer der junge aufstrebende FDP-Politiker war, der die Amerikaner und ihren Botschafter Philip Murphy mit Details aus den Koalitionsverhandlungen und anderen Interna der deutschen Bundesregierung versorgte: Es ist Helmut Metzner, der Westerwelles Büro in der Parteizentrale Thomas-Dehler-Haus an der Reinhardtstaße in Berlin-Mitte leitet (hier sein Blog).

Rasch ging der Spruch von "Westerwelles Guillaume" um. Der Vergleich ist allerdings komplett ahistorisch. Denn erstens saß Metzner nicht an einer Stelle, an der er wirklich brisante Informationen zu Gesicht bekam - so wie es etwas gewesen wäre, wenn er Westerwelles Büro im Außenministerium geleitet hätte. Und zweitens tat Metzner im Gegensatz zum grauen, peniblen und streng unauffälligen DDR-Agenten Guillaume wirklich alles, um darauf aufmerksam zu machen, dass man ihm vielleicht besser keine Geheiminformationen anvertrauen sollte. Der Mann besitzt nach eigenem Bekunden nicht nur eine Sammlung von 150 Herrenhüten, sondern trägt auch mit Überzeugung bunte Fliegen, am liebsten in den Parteifarben schwarzgelb.

Karl Lauterbach
Nun weiß wirklich jeder Küchenpsychologe, das Fliegenträger Leute mit einem überlebensgroßen Ego sind, die sich mit diesem betont individualistischen Halsschmuck von den vermeintlich langweiligen und geistig genormten Krawattenträgern abheben wollen. Nicht umsonst ist diese Mode vor allem in Akademikerkreisen seit Jahrzehnten dermaßen im Schwange, dass schon geargwöhnt wurde, man bekomme den Binder quasi als Standesabzeichen zusammen mit der Habilitationsurkunde verliehen. Besonders gerne wird das Ding allerdings von Leuten getragen, die ihre Professorenhaftigkeit deswegen aggressiv zur Schau stellen wollen, weil sie ihren Titel gar nicht durch Habilitation erworben haben, sondern durch eine Ernennung - wie etwa der Berliner Anwalt Peter Raue (Honorarprofessor der FU Berlin) oder der ewig talkshowpräsente SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (im Lebenslauf wird keine Habilitation erwähnt).

Kim Philby
Hartmut von Hentig
Berauscht von der eigenen superioren Intelligenz setzen sich Fliegenträger auch gern über Moral und Konventionen hinweg - das ist eh nur etwas für die dumme krawattentragende oder gar halsfreie Masse. Drei wahllos herausgegriffene Beispiele: Der legendäre britische Spion Kim Philby, der sein Land an die Russen verriet. Der schleswig-holsteinische SPD-Landesvorsitzende Ralf Stegner, der bis heute im Verdacht steht, 2005 der Ministerpräsidentin Heide Simonis seine Stimme bei der Wiederwahl verweigert zu haben (mittlerweile hat ihm allerdings vermutlich ein Imageberater die damals noch unvermeidliche Fliege abgeschwatzt und er zeigt sich lieber mit offenem Hemd - Modell "Arbeiterführer"). Und der Doyen der deutschen Pädogik Hartmut von Hentig, der seinen Lebensgefährten Gerold Becker voriges Jahr noch in der "Süddeutschen Zeitung" gegen die Spießermoral in Schutz nahm, nachdem diesem nachgewiesen worden war, dass er als Rektor der reformpädagogischen Odenwaldschule jahrzehntelang systematischen Missbrauch geduldet und betrieben hatte.

Armin Kraft
Mein persönlicher Fliegenwiderling Nr. 1 war der langjährige Braunschweiger Domprediger Armin Kraft, der seine prätentiös nichtssagenden Aphorismen (eine Tautologie, ich gebe es zu) in den Achtzigerjahren jede Woche neu im Schaukasten vor dem Dom meiner Heimatstadt aushängte. Jedes Mal, wenn ich an diesem stolz präsentierten Poesiealbumweisheiten vorbeikam, schämte ich mich ein bisschen, Protestant zu sein.

Fazit dieser natürlich total subjektiven und unwissenschaftlichen Beweisführung: Wer Fliegenträger in sein Büro lässt, darf sich nicht wundern, wenn sie dann mit Interna zum US-Botschafter rennen und ihre persönlichen Notizen dort laut und eitel vortragen, wie es in den von Wikileaks veröffentlichten Dokumenten über Metzner heißt. Anderseits entspricht das psychologische Profil des Fliegenträgers, das ich hier kurz skizziert habe, genau dem des typischen FDP-Wählers. Das stumpft dann möglicherweise ab, und jemand wie Westerwelle bemerkt gar nicht mehr die Aura hochfahrender Durchgeknalltheit, die jeden normalen Menschen von einem vertrauten Umgang mit solchen unberechenbaren Sonderlingen abhalten würde.

Als wollte er seine Selbststigmatisierung auf die Spitze zu treiben und Parteifreunde (vielleicht unbewusst) warnen "Vertrau mir bitte nicht!", hat sich Metzner deshalb auch gelegentlich (etwa beim Christopher Street Day) im Hasenkostüm gezeigt. Und einer der ersten sechs Freunde, die angezeigt werden, wenn man sein Facebook-Profil anschaut, ist der nicht minder redselige und egomanische Verlegersohn Konstantin Neven DuMont. Es kann wirklich niemand in der FDP sagen, man habe es nicht wissen können.

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