Samstag, 25. Dezember 2010

Children of the Evolution (frei nach T. Rex)

An irgendeine personliche allmächtige Instanz muss der Mensch offenbar glauben. Deswegen glauben viele Menschen, die sich von Gott, vom Weihnachtsmann oder der Zahnfee längst mit hochfahrendem rationalistischen Furor verabschiedet an die Evolution. Zum Beispiel meine Kollegen bei Welt Online, die in vor einiger Zeit u. a. titelten: "Warum uns die Evolution Zahnschmerzen beschert hat". In der Frankfurter Lokalausgabe der "Welt Kompakt"  schrieb ein Autor gar: "Als wir gestern in der Kälte das neue Kunstwerk auf dem Roßmarkt bestaunten, wünschten wir uns von der Evolution unser schützendes Winterfell zurück."

In der Alltagssprache sind Redeweisen wie in den zitierten Arikeln üblich, rhetorisch gesehen handelt es sich um einen Sonderfall der Metonymie. Man sagt: "Die Evolution hat etwas gemacht" wie man sagt "Moskau hat etwas gemacht", wenn meint, dass die in Moskau sitzenden russischen Politiker etwas gemacht haben.

Unangenehm wird es, wenn die Sprecher suggerieren, die Evolution sei tatsächlich ein handelndes Subjekt. Unangenehm ist das nicht, weil sie damit Gott entthronen - das ist ja häufig ihr erklärtes (und legitimes) Ziel. Sondern weil sie damit einen neuen Gott an die Stelle des alten stellen. Gerade in der angelsächsischen populärwissenschaftlichen Literatur wird mittlerweile häufig ein quasireligiöser Ton angeschlagen, wenn es um die Evolution geht. Das jüngste Beispiel aus einer endlosen Reihe ist Sara Blaffer Hrdys Buch "Mütter und andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat". Mich nervt daran auch, dass wirklich jeder Scheiß mit der Evolution erklärt wird - als ob gesellschaftliche, soziale, kulturelle oder historische Faktoren das Verhalten der Menschen nicht genauso oder stärker beeinflussen würden. Nein, es ist immer die Evolution und die Evolution allein. Andere Götter dulden diese radikaler Evolutions-Monotheisten nicht. Die satirische Variante dieses Denkens zeigt das Theaterstück "Caveman",  in dem auch die Tatsachen das Frauen (angeblich) schlecht einparken können und Männer ungern Zeit beim Kleidungskauf verschwenden mit dem Wirken "der Evolution" erklärt wird.

Um es klarzustellen: Ich bin kein Kreationist, auch kein verkappter. Ich möchte nur die Evolutionstheorie weiterhin als das schätzen, was sie ist: Ein durch viele Indizien gestütztes Denkmodell, mit dem man die Entstehung der Arten besser erklären kann als mit allen anderen.

Offensichlich wird der quasi-religiöse Ton der Evolutionisten in einem neuen Comic über Bertrand Russell, der (wohl unfreiwillig) zeigt wie der Begründer der antimetaphysichen logischen Philosophie (auf ihn beruft sich in seinem jugendlichen Umgestüm auch der Held von Philip Roths Roman "Empörung") angesichts der Natur und ihrer Wunder schwärmend auf die Knie fällt, wie es üblicherweise Pantheisten tun - beispielsweise Werther in Goethes Roman (darin ein Alter Ego seines spinozistischen Schöpfers).

Das klingt dann so:


Dem Hain in dunkelgrüner Schlucht
entströmt von Moschusrosen und Jasmin
ein Duft, so sinnbetörend schön
lädt ein zu lieblich rätselhaftem Tun.
O Fluss des Urquells unerforschlich bodenlos
Wohin mag Dein geheimnisvoller Strom sich wenden?
O Erde, Luft und Meer
geschwisterlich mit mir vereint!
O Mutter dieses unergründlichen Planeten!
Macht, dass mein Lied nicht ungehört verhallt, 
denn euch, nur euch, gilt ewig meine Liebe schon!

Klar, wer die in diesem Gedicht angeredete "Mutter" ist. Aber auch die Bücher von Richard Dawkins, der die Evolution als "Greatest Show On Earth" feiert, erinnern den aufmerksamen Leser immer an Traktate der frühen Neuzeit, in denen mit Ausdauer jede nur noch so nebensächliche Einrichtung der Natur als wundersamer Beweis für Gottes überlegenen Schöpfergeist herangezogen wurde. Ein besonders platter, aber irgendwie auch liebenswerter Vertreter dieser Nützlichkeitsanbetung war der Dichter Barthold Hinrich Brockes, der in seinen Lehrgedichten das Staunen über die Konstruktion jedes winzige Würmchen feierte. Hier ein Beispiel:

Kirschblüte bei der Nacht 

Ich sahe mit betrachtendem Gemüte 
jüngst einen Kirschbaum, welcher blühte, 
in kühler Nacht beim Mondenschein;
 ich glaubt, es könne nichts von größerer Weiße sein. 
Es schien, als wär ein Schnee gefallen; 
ein jeder, auch der kleinste Ast, 
trug gleichsam eine rechte Last 
von zierlich weißen runden Ballen. 
Es ist kein Schwan so weiß, da nämlich jedes Blatt, 
- indem daselbst des Mondes sanftes Licht 
selbst durch die zarten Blätter bricht - 
sogar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat. 
Unmöglich, dacht ich, kann auf Erden 
was Weißres aufgefunden werden. 
Indem ich nun bald hin, bald her 
im Schatten dieses Baumes gehe, 
sah ich von ungefähr 
durch alle Blumen in die Höhe 
und ward noch einen weißern Schein, 
der tausendmal so weiß, der tausendmal so klar, 
fast halb darob erstaunt, gewahr. 
Der Blüte Schnee schien schwarz zu sein 
bei diesem weißen Glanz. Es fiel mir ins Gesicht 
von einem hellen Stern ein weißes Licht, 
das mir recht in die Seele strahlt.

Ersetzt man das Wort "Seele" durch "Intellekt" hat man die poetisierte Variante einer dieser angelsächsischen Evolutions-Erbauungsschriften. Dawkins ist der Barthold Hinrich Brockes des Rationalismus.

Man muss die Evolution als Bewunderer von Darwins wissenschaftlichem Genie vor diesen Anbetern schützen, die aus ihr die Gottheit einer Pseudoreligion machen. Sonst geht es ihr womöglich noch wie der Revolution. Als dieser politische Vorgang in den Rang einer quasi-göttlichen Macht erhoben wurde, der "Opfer" zu bringen seien, der man sein Leben zu "weihen" habe und die man "lieben" musste usw., fing man an, in ihrem Namen zu masssenmorden.

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