Montag, 22. November 2010

Tod eines amoklaufenden Verlegerssohns

Die Republik weiß erst seit einigen Wochen, dass der Kölner Verlegerssohn Konstantin Neven DuMont ein unkonventioneller und etwas sprunghafter Typ ist. In Köln weiß man das natürlich schon länger. Vor allem, wenn man als Tageszeitungsredakteur in Wipperfürth (Regierungsbezirk Köln) gearbeitet hat. Genau das hat Volker Kutscher getan, bevor er anfing, sehr erfolgreiche Kriminalromane zu schreiben. Die einzige Zeitung, die in Wipperfürth eine Redaktion unterhält, ist die Kölnische Rundschau. Diese gehört - genau wie der Kölner Stadtanzeiger, der Express, Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau - zum Zeitungsimperium der Familie DuMont. Dort wird Volker Kutscher sich ganz gewiss eine Meinung über Konstantin Neven DuMont gebildet haben.

Man darf also davon ausgehen, dass es kein reiner Zufall ist, wenn in Kutschers Erstlingswerk "Der nasse Fisch" ausgerechnet der Sohn einer Kölner Verlegerdynastie mit einem französischen Namen  als "wahnsinnig" bezeichnet und gerechtfertigterweise erschossen wird. Das Buch spielt am Ende der Weimarer Republik im Berlin des Jahres 1929, einer wilden Stadt voller Nazis, Kommunisten, Kokser, Nutten, Exilrussen und illegaler Clubs. Held des Buchs ist Kommissar Gereon Rath, dessen Vater ein ranghoher Polizist in der preußischen Rheinprovinz und ihrer Hauptstadt Köln ist. Der fädelt auch die Versetzung seines Sohnes nach Berlin ein, nachdem der junge Mann Opfer einer wüsten Pressekampagne in den Blättern des Hauses LeClerc (!) wird.

Auf Seite 104/105 schildert Kutscher, wie es dazu kam:

"Rath erinnerte sich an den Moment, als er Alexander LeClerk zum ersten Mal begegnet war. Ein Gesicht wie Beton. Das Gesicht eines Mannes, den man zur Identifizierung  seines toten Sohnes gebeten hatte. Auf dem Marmortisch hatte der Tote nicht mehr wie ein Wahnsinniger ausgesehen. Ein Wahnsinniger, der auf ahnungslose Passanten schießt. Ein bleicher junger Mann mit toten Augen, der keine dreißig Jahre alt geworden war. Weil ein anderer Mann den Zeigefinger gekrümmt hatte. Weil Gereon Rath den Zeigefinger gekrümmt hatte." 

Die Leiche hat auch noch Kugeln aus Polizeikarabinern im Leibe, aber getötet hat ihn das Projektil, das Rath ihm direkt ins Herz schoss. Der alte LeClerc will aber gar nicht einsehen, dass sein Sprössling ein irrer Amokläufer war. Er entfesselt eine Pressekampagne gegen die "schießwütige" Polizei und vor allem gegen Rath. Daraufhin entschließt dieser, sich Köln zu verlassen.

Besonders sympathisch kommen beide LeClercs in dem Buch nicht weg. Der Sohn ist ein schießwütiger Irrer, der Vater ein selbstgerechter Machtmensch. Ich will nicht darüber spekulieren, ob Kutscher mit dieser Geschichte kaum verschlüsselte Rache an seinen Ex-Arbeitgebern nehmen wollte oder ob es vielleicht nur ein Witz war. Aber nach den Ereignissen der letzten Wochen, in denen Konstantin Neven DuMont erst gestehen musste,  dass hunderte von Kommentaren im Blog von Stefan Niggemeier an seinem Computer geschrieben wurden und dann anfing, öffentlich mit seinem Vater eine Seifenoper gegenseitiger Bezichtigungen zu inszenieren, kommt mir Kutschers Buch fast prophetisch vor. Zumal solche Typen wie der reale DuMont-Junior auf Englisch bekanntlich "loose cannon" genannt werden.

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