Montag, 15. November 2010

Merkels Buchgeschenke

Viele Online-Medien haben schon darüber berichtet, dass Angela Merkel dem Ex-Ministerpräsidenten Roland Koch heute auf dem CDU-Parteitag in Karlsruhe zum Abschied eine bibliophile englischsprachige Ausgabe von "Reflections on the Revolution in France" des konservativen Vordenkers Edmund Burke (1729-1797) geschenkt hat. Ein würdiges Geschenk für einen Mann, der sich immer als der Edmund Burke der CDU gesehen hat.

W. E. von Ketteler
Doch wie die Berliner Morgenpost morgen auf ihrer Titelseite berichtet, haben auch die anderen aus dem Amt geschiedenen Ministerpräsidenten von der Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden ähnlich beziehungsreiche Buchgeschenke bekommen. Man wüsste allzu gerne, welche feinen Anspielungen sich damit verbinden. Nicht immer ist die Beziehung so eindeutig wie zwischen Jürgen Rüttgers und dem Buch "Die Arbeiterfrage und das Christentum" des sogenannten Arbeiterbischofs Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811-1877). Ketteler war einer der Mitbegründer der Katholischen Arbeiterbewegung und scheiterte letztendlich mit seinem Versuch, das Proletariat mit dem Christentum zu versöhnen und von radikalen Bewegungen wie Sozialismus und Kommunismus fern zu halten. Ein sehr passendes Geschenk für einen CDU-Politiker, der so oft ironisch oder bewundernd als "Arbeiterführer" bezeichnet wurde und dennoch als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen nicht wiedergewählt wurde.

Schwerer durchschaubar ist, was Merkel Dieter Althaus sagen wollte, als sie ihm Erich Fromms "Wege aus einer kranken Gesellschaft" schenkte. Als Kritiker der Entfremdung in der modernen Konsumgesellschaft hat sich der ehemalige Ministerpräsident von Thüringen bisher nicht hervorgetan. Der Psychoanalytiker Erich Fromm war eigentlich in den Siebzigerjahren groß in Mode.

Aus der gleichen Epoche stammt das Buch, das Merkel dem angeblich wegen eines Zugausfalls (jeder Bahnkunde wird ihm diese Ausrede abnehmen) fehlenden Ole von Beust durch seinen Nachfolger Dieter Ahlhaus nach Hamburg senden ließ: "Ein Planet wird geplündert" von Herbert Gruhl (1921-1993). Bei von Beust hätte mancher Zyniker vielleicht eher an Jean Genet oder Allen Ginsberg als Geschenk empfohlen. Doch solche Winke mit dem Zaunpfahl in Richtung des Beuysschen Liebeslebens wären Merkel gewiss viel zu plump vorgekommen.

Stattdessen wählte sie - oder ein kluger Berater - Gruhl. Der Mann, der als Vordenker einer konservativen Ökologiebewegung gilt,  war nach seinem Austritt aus der CDU einer der Mitbegründer der Grünen. Später überwarf er sich mit der Partei, gründete die konservativ-ökologische ÖDP. Am Ende trat er auch aus der ÖDP aus und schloss sich der rechtskonservativen Organisation Unabhängige Ökologen Deutschlands an. Das Buch eines Schwarzen, der den Grünen Starthilfe gab und darüber fast irre wurde, ist wahrhaft ein passendes Geschenk für den Patron der ersten schwarz-grünen Regierungskoalition in einem deutschen Bundesland, der zum Schluss keine Lust mehr auf seine eigene Schöpfung hatte.

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