Freitag, 12. November 2010

Gut, dass wir so wenige Kinder kriegen

Jetzt jammern wieder alle darüber, dass Deutschland, die niedrigste Geburtenrate aller Zeiten hat - und in Europa sowieso schon lange Schlusslicht ist. Die Schere wird sich eher noch vergrößern, weil in fast allen anderen europäischen Ländern die Geburtenraten seit der Jahrtausendwende wieder gestiegen sind (vgl. auch Grafik unten) - auch in den südeuropäischen Nationen, die um 2000 noch genauso schlecht dastanden wie Deutschland und in den osteuropäischen Ländern, die in den Neunzigerjahren den Schock eines gesellschaftlichen Systemwandels zu überstehen hatten.

Natürlich ist die niedrige deutsche Geburtenrate beklagenswert. Ihre gesellschaftlichen und psychologischen Kosten sind oft genug berechnet worden, und mir genügt schon ein Blick auf die leeren Spielplätze von Vororten in Heidenheim a. d. Brenz (von da kommt meine Frau) oder Braunschweig, um depressiv zu werden.

Aber andererseits ist eine niedrige Geburtenrate auch ein gutes Zeichen für den Zustand eines Gemeinwesens. Denn die Staaten mit den weltweit höchsten Geburtenzahlen sind fast ausschließlich Alptraumländer voller Krieg, Not, Hunger und Gewalt. Die Bevölkerungstatistik im World Factbook der CIA, nennt auf den ersten zehn Plätzen: Niger, Uganda, Mali, Sambia, Burkina Faso, Äthiopien, Angola, Somalia, den Kongo und Burundi. Zwar sind die Geburtenraten in dieser Statistik anders berechnet - hier nicht die Zahl der Kinder pro Frau im gebärfähigen Alter, sondern die Zahl der Kinder pro 1000 Einwohner. Aber natürlich kann man beide Statistiken durchaus miteinander vergleichen.

Noch aussagekräftiger wird die Statistik der geburtenreichen Horrorländer, wenn man einmal ganz von Afrika absieht. Denn hier hat Geburtenreichtum traditionell noch einen höheren Stellenwerte als in anderen archaischen Gesellschaften - weil der Kontinent Jahrtausende lang unterbevölkert war. Man kann das alles in John Iliffes "Geschichte Afrikas" (Verlag C. H. Beck, 2003) nachlesen.

Die geburtenreichsten Länder in Asien, einem Kontinent, der in den vergangenen Jahren viele wirtschaftliche Erfolgsgeschichten geschrieben hat, sind auch die trostlosesten:

1. Afghanistan
2. der Gaza-Streifen
3. der Jemen
4. der Irak
5. Jordanien
6. Laos
7. Tadschikistan
8. Kambodscha
9. Pakistan
10. die West-Bank

Deutschland liegt übrigens bei der CIA-Geburten-Statistik auf Platz 220 von 224 Staaten. Dahinter sind noch Italien, Hongkong, Japan und Monaco.

Sehr häufig sind die Länder mit den höchsten Geburtsraten auch die mit der höchsten Kindersterblichkeit (hier liegen weltweit Angola, Afghanistan, Niger, Mali und Somalia an der traurigen Spitze) und der niedrigsten Lebenserwartung (hier sind die Schlusslichter von hinten gezählt: Haiti, Angola, Mosambique, Afghanistan und Nigeria). Die geringste Kindersterblichkeit und die höchste Lebenserwartung haben - kaum überraschend - oft Staaten mit niedriger Geburtenrate: In Monaco sterben die wenigsten Säuglinge, Japan liegt hier auf Platz 220, Hongkong auf Platz 219, Deutschland auf Platz 206 und Italien auf 183. Bei der Lebenserwartung liegen die hartnäckigsten Gebärvereigerer auf Platz 1 (Monaco), Platz 5 (Japan), Platz 8 (Hongkong), Platz 23 (Italien) und Platz 36 (Deutschland).

Durch wird die immer noch weit verbreitete Annahme widerlegt, dass Kinderkriegen ein Ausdruck von Hoffnung und Optimismus ist. Im Weltmaßstab gesehen bekommt man Kinder viel häufiger aus Pessimismus und Angst.

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