Donnerstag, 4. November 2010

Ein Albino für Tansania

Der Anblick von Albinos löst auch bei Europäern und Amerikanern oft einen leichten Grusel aus – eine Tatsache, die sich u. a. H. G. Wells und Dan Brown zu nutze gemacht haben. Der Engländer lässt in seinen Roman „Der Unsichtbare“ aus dem Jahr 1897 einen jungen Wissenschaftler namens Griffin auftreten, der unter Albinismus leidet  Der erfindet eine Droge, die ihn unsichtbar macht, aber leider auch seinen Charakter zum Bösen verändert, nach zahllosen Morden wird er von einem Mob erschlagen. 1999 ließ Wells' englischer Landsmann Alan Moore in seinem Comic "The League of Extraordinary Gentleman" diesen Griffin noch einmal auferstehen. Der Amerikaner Brown hat 2003 für seinem Roman „Sakrileg“ („The Da Vinci Code“) mit dem Albino Silas einen der bekanntesten Literaturschurken der vergangenen Jahrzehnte geschaffen.

Doch der derlei negative Faszination ist gar nichts gegen den handfesten und mörderischen Aberglauben, der sich in vielen afrikanischen Ländern um Albinos rankt. In einem Artikel der „Rheinischen Post“ hieß es voriges Jahr:

„Körperteile von Albinos gelten in Afrika als Glücksbringer, Zaubertränke mit ihrem Blut sollen dem Käufer Wohlstand bringen. Das besagt ein gängiger Aberglaube, der 2008 alleine in Tansania rund 30 Menschen das Leben gekostet hat. Wegen dieses Aberglaubens werden Albinos gejagt, verstümmelt und getötet. Zuletzt wurde die sechsjährige Cizanye umgebracht. ,Die Banditen haben sie enthauptet, ihre Arme und Beine abgeschnitten und nahmen diese anschließend mit’ erklärte ein Behördensprecher.“

Offenbar hat dieser Wahnsinn – wie der Glaube an Zauberei und Hexen im Allgemeinen – in vielen afrikanischen Ländern in der jüngsten Zeit wieder zugenommen (hier ein weiterführender Videobeitrag der Agentur AFP).  Vor allem in Tansania ist es seit drei Jahren besonders schlimm Bis zu 10 000 Euro zahlen Menschen dort für ein abgehacktes Bein oder den abgehackten Arm eines Albinos, erfährt man aus diesem Film von arte. Vielleicht ist es aber auch so, dass einfach häufiger über solche Gräueltaten berichtet wird, weil es auch in Afrika mittlerweile unabhängige Medien gibt und weil sich Menschen gegen die Diskriminierung von Minderheiten engagieren – wie beispielsweise mit einer Demonstration in Malis Hauptstadt Bamako, die Musiker Salif Keita 2009 organisiert hatte.

Angesichts dieses neuerlich aufwallenden Aberglauben ist es umso erfreulicher ist, dass jetzt gerade in Tansania zum ersten Mal überhaupt ein Albino ins Parlament des Landes gewählt wurde. Obwohl die Ergebnisse der Wahlen vom 31. Oktober noch nicht bestätigt sind, gab die Oppositionspartei  Civic United Front (CUF) schon bekannt, dass ihr Kandidat Salum Khaltani Bar’wani als Abgeordneter von Lindi Stadt im Südosten des Landes gewählt worden sei. Bar'wani jubelte:

„Früher glaubten die Leute nicht, dass ein Albino oder ein andere behinderte Person solch eine Chance bekommen könnte, ohne bevorzugt zu werden. Nun wissen sie, dass wir das auch erreichen können, ohne aus Mitleid gefördert zu werden.“

Zwar gab es schon eine Abgeordnete mit Albinismus, doch Al-Shymaa Kway-Geer war 2008 vom Präsident Jakaya Kikwete ernannt und nicht gewählt worden, berichtet die französischsprachige Webseite Jeune Afrique.

In Afrika ist der Gendefekt, auf den Albinismus zurückzuführen ist, überdurchschnittlich häufig - geschätzt jeder viertausendste Afrikaner ist davon betroffen,. Aber nirgendwo gibt es soviele Albinos wie in Tansania. Dort kommt auf 3000 Menschen ein Albino. Im Rest der Welt gilt im Durchschnitt das Verhältnis eins zu 20 000.

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