Freitag, 5. November 2010

Du siehst aus wie der Tod von Ypern

"Du siehst aus wie der Tod von Ippern!" hat meine Mutter rästelhafterweise immer zu mir gesagt, wenn ich als Kind besonders blass wirkte.

Auch als ich dann mit 14/15 zum ersten Mal davon gelesen habe, dass es im 1. Weltkrieg zwei Schlachten beim belgischen Ort Ypern gegeben hatte, kam ich nicht gleich auf die Idee, diese historische Tatsache mit der Redensart meiner Mutter zu verbinden. Das erste jener Gemetzel ist vor allem berühmt geworden durch den später zur propagandistischen Legende erhobenen so genannten "Kindermord von Langemarck", bei dem 1914  zig tausende blutjunger deutscher Rekruten angeblich das Deutschlandlied singend immer wieder ins britische Gewehrfeuer und in den Tod gerannt sein sollen. Die zweite Schlacht erlangte eine noch gruseligere Bekanntheit, weil hier die deutschen Truppen zum ersten Male Giftgas einsetzten, um 1916 mit dieser Wunderwaffe eine Wende im Stellungskrieg zu erzwingen.

Ich musste erst über 20 Jahre alt werden, um zu kapieren, dass das eine etwas mit dem anderen zu tun hatte. Offenbar hatte meine Mutter diesen Spruch immer von meiner Großmutter zu hören bekommen. Da meine Großmutter 1908 geboren war, konnte sie die Redensart wiederum eigentlich auch nur von ihrer Mutter kennen. Bei der ersten Schlacht um Ypern herum (auch erste Flandernschlacht genannt) war tatsächlich das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 234 aus dem Raum Kassel-Göttingen dabei. Möglicherweise hatte meine Urgroßmutter aber eher die zweite Schlacht 1916 im Sinne, weil sie mehr als die erste mit dem Ortsnamen Ypern verbunden wird und weil die Redensart "Du siehst ja aus wie der Tod von Ypern" im Zusammenhang mit Gastoten mehr Sinn macht - hurrapatriotische junge Leute können ja durchaus gesund und rosig aussehen, bevor sie von der tödlichen Kugel getroffen werden.

Allerdings gibt es einige Belege direkt aus dem Krieg und der Nachkriegszeit, die darauf hinweisen, dass wohl eher die erste Ypern-Schlacht gemeint ist. So fand ich kürzlich dieses Soldatenlied namens "Wir schreiten vorwärts Schritt um Schritt", das auch unter dem Namen "Der Tod von Ypern" bekannt ist. Die darin besungene offensivkriegerische Kampfweise passt weitaus besser zum Optimismus, der die jungen Rekruten in der ersten Bataille prägte. Allerdings klingt der zutiefst pessimistische Ton der Poesie, dann doch wieder gar nicht nach Naivlingen, die sich begeistert und ahnungslos in den Kampf stürzen:

Der Tod ist´s, der die Trommel schlägt
der Tod ist´s, der die Fahne trägt
und "Tod" heißt die Parole

Die Welt umhüllt ein Nebelgrau
daß nicht die liebe Sonne Schau
das Leid, das wir gewahren
Der Tod ist´s, der uns kommandiert
der Tod ist´s, der zum Sturme führt
die tapfern deutschen Scharen



Darüber hinaus gibt es ein 1937 erschienenes Buch des vor allem durch Südseeromane bekannten, heute total vergessenen Schriftstellers Wilhelm Schreiner (er hat noch nicht mal einen Wikipedia-Eintrag) namens "Der Tod von Ypern". Da ich das Buch nicht besitze, weiß ich aber nicht, auf welche Schlacht es sich bezieht.

Dass ich so lange gebraucht habe, um "Ippern" mit Ypern zu verbinden, ist eigentlich erstaunlich. Denn der erste Weltkrieg war in den Erinnerungen unserer Familie durchaus lebendig, obwohl die Schrecken des 2. Weltkriegs naturgemäß noch lebendiger waren: Ausbombung, die tödliche Flutwelle, nachdem britische Bomber 1943 den Damm der Edertalsperre geknackt hatten, verbrannte Nachbarskindern, die als auf Puppenformat verschmorter Leichen vor dem Haus lagen, Evakuierung und Nachkriegsnot.

Großvater mit Familie ca. 1916. Vater vermutlich an der Front


Großmutter mit Familie ca. 1916. Vater fehlt ebenfalls



Meine Großmutter buk manchmal einen Kuchen, der überwiegend aus Kartoffelschalen bestand. Ein Rezept aus den Hungerjahren des 1. Weltkriegs, wie sie betonte. Es schmeckte eigentlich ziemlich gut und heute, weiß man ja, dass bei Kartoffeln unter der Schale die Nährstoffe sitzen. Auch war bei uns immer mal wieder die Rede davon, dass mein Urgroßvater eine Nahkampfmedaille bekommen hatte, weil er im Bajonettkampf einen "Senegalneger" getötet hatte. Diese von den Franzosen eingesetzten Kolonialtruppen galten offenbar als besonders gewandt und gefährlich.

Lange glaubte ich, die Redensart "Du sieht aus wie der Tod von Ypern" sei möglicherweise eine Spezialität unserer Familie gewesen, denn meine Großmutter war eine Frau, die für ihre plastische Sprache berüchtigt war. Doch mittlerweile weiß ich, dass diese Wendung offenbar auch anderswo als Synonym für "Du siehst aus wie das Leiden Christi" gebraucht wurde. In einer Quelle wird die Variante "herumgehen wie der Tod von Ypern-" als "südhessisch" bezeichnet, weil sie 1972 in einem  Büchlein von Robert Schneider zur Darmstädter Mundart zitiert wird. Als Kasseläner kann ich nun ergänzen: Nordhessisch war sie wohl auch.

Die Betonung liegt auf "war". Denn ich bezweifle, dass sie heute noch im Gebrauch ist. Schon meine Mutter wusste ja gar nicht mehr, worauf sie sich eigentlich bezog, wenn sie so mit mir redete. Ich weiß es jetzt zwar wieder, aber es bleibt doch totes Wissen. Zu meiner Tochter werde ich das wohl nie sagen.

Wichtiger Nachtrag vom 16. Dezember 2011.
Ein anonymer Kommentator, dem ich auf diesem Weg herzlich danke (siehe unten), hat einen entscheidenden Hinweis gegeben. Auch wenn die Redensart "Du siehst aus wie der Tod von Ypern" nach 1914/18 wahrscheinlich von fast allen Menschen mit dem 1. Weltkrieg verbunden worden ist, ist sie in Wirklichkeit doch schon viel älter. Sie taucht beispielsweise schon im 66. Kapitel von Gottfried Kellers 1879/80 (zweite Fassung) veröffentlichtem Roman "Der Grüne Heinrich" auf. Dort heißt es über eine zwielichtige Gestalt namens "Schlangenfresser": ""Er erschien mir selbst wie ein böser Dämon, da ich am Wege eine große vorjährige Distel, die aussah wie der Tod von Ypern, ins Büchlein zeichnete und der Kerl, zwei tote Schlangen an einer Gerte über der Schulter tragend, einen Augenblick stillstand, mir zusah, grinste und kopfschüttelnd weiterging, als ob ihm etwas Kurioses durch die Erinnerung liefe. Er trug einen langen zerlöcherten Rock von ehemals rostbrauner Farbe, bis oben zugeknöpft, an den nackten Beinen Pantoffeln, die mit verblichenen Rosen gestickt waren, und auf dem Kopfe eine österreichische Soldatenmütze; ich seh ihn noch heute davonschlurfen."

Nachdem ich auf diesen frühen Beleg hingewiesen worden war, habe ich nochmal eine ganz neue Suche gestartet. In dem guten Jahr, das seit der Niederschrift des ursprünglichen Blog-Artikel vergangen war, sind offensichtlich auch noch ein paar Texte im Internet veröffentlicht worden, die es damals noch nicht gab. Ich bin mir sicher, dass ich sonst den Hinweise auf das Soldatenlied aus dem 1. Weltkrieg gefunden hätte - aber auch diese entscheidende Passage aus Albert Richters 1889 beim Verlag Richard Richter in Leipzig veröffentlichtem Buch "Deutsche Redensarten". Dort wird erklärt: „Die Redensart, die man oft auch in der Form: ,wie der Tod von Rippern' hört, hat ihren Ursprung in einem in Stein gehauenen, gegen sechs Fuß hohen Bilde des Todes von schauerlichem Aussehen, das in der Hauptkirche von Ypern ausgestellt ist.“

Wenn es wirklich stimmt, dass die Redensart auf die genannte Darstellung des Todes in der St. Martinus und St. Nicolas Kathedrale in Ypern zurückgeht, dann ist es aber kein Wunder, dass der ursprüngliches Sinn in Vergessenheit geriet. Denn die Kathedrale wurde im 1. Weltkrieg nahezu komplett durch deutschen Artilleriebeschuss zerstört - und mit ihr offenbar auch das einst so berühmte schauerliche Monument. Zumindest habe ich unter den zahlreichen Plastiken, die in der seit 1920 wiederaufgebauten Kathredrale stehen, keinen Hinweis und kein Foto einer sechs Fuß hohen Todesdarstellung gefunden.

Kommentare:

  1. Die Betonung sollte auf "wird" und Rheinhessisch liegen. Denn ich werde sie reanimieren.

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  2. Und was ist mit dem Mädchen von Ippernema?
    http://www.youtube.com/watch?v=UJkxFhFRFDA

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  3. Der Bezug zum Ersten Weltkrieg liegt zwar nahe, kann aber nicht stimmen: Die Wendung findet sich bereits bei Gottfried Keller im "Grünen Heinrich", der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand (vgl. http://gutenberg.spiegel.de/buch/3363/66). Woher die Redewendung tatsächlich stammt, kann ich aber auch nicht sagen.

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  4. Ein spannender, augenöffnender Hinweis, der natürlich eine ganz Welt eröffnet. Vielleicht ist ja ein Kunstwerk gemeint. Ich werde dem mal nachgehen. Allgemein gilt: Man sollte mehr Gottfried Keller lesen. Für Menschen, die keine Lust haben, den von Ihnen angegebenen Link zu öffnen, zitiere ich hier kurz die betreffene Stelle, wo es über einen Menschen, den der Erzähler nur den "Schlangenfresser" nennt, im 66. Kapitel heißt: "Er erschien mir selbst wie ein böser Dämon, da ich am Wege eine große vorjährige Distel, die aussah wie der Tod von Ypern, ins Büchlein zeichnete und der Kerl, zwei tote Schlangen an einer Gerte über der Schulter tragend, einen Augenblick stillstand, mir zusah, grinste und kopfschüttelnd weiterging, als ob ihm etwas Kurioses durch die Erinnerung liefe. Er trug einen langen zerlöcherten Rock von ehemals rostbrauner Farbe, bis oben zugeknöpft, an den nackten Beinen Pantoffeln, die mit verblichenen Rosen gestickt waren, und auf dem Kopfe eine österreichische Soldatenmütze; ich seh ihn noch heute davonschlurfen."

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