Dienstag, 9. November 2010

Algerien, der Ramadan und die Gerichte

Ein Gericht in Algerien hat acht Männer freigesprochen, die angeklagt waren, das Fastengebot im Monat Ramadan gebrochen zu haben. In Algerien ist der Islam zwar Staatsreligion, doch gibt es theoretisch Religionsfreiheit. Dennoch hatten sich in diesem Jahr Anklagen gegen Muslime und sogar Christen gehäuft, die im Ramadan nicht konsequent gefastet hatten und damit angeblich gegen eine der "fünf Säulen des Islams" verstoßen hatten.

Umso erfreulicher ist nun, dass laut einem Bericht der franzöischen Webseite Jeune Afrique, der Strafgerichtshof in Akbou (250 Kilometer östlich von Algier) die acht Männer gestern freigelassen hat. Ihr Vergehen bestand darin, dass sie in einem Einkaufszentrum in Ighzer Amokrane, etwa zehn Kilometer von Akbou, vor Sonnenuntergang Kaffee getrunken hatten. Said Salhi, Sprecher der algerischen Liga zur Verteidigung der Menschenrechte begrüßte das Urteil. Abderrezak Ammar-Khodja, eine Anwältin der acht Freigelassenen, sagte: "Wir sind sehr zufrieden. Es ist eine gute Entscheidung, das ist ein Erfolg." Arezki Aït-Larki, ein Sprecher von SOS Liberté, eine Organisation zur Verteidigung der Freiheitsrechte, führte das Urteil auch darauf zurück, dass es gelungen war eine große Zahl von Unterstützern zu mobiliseren.

Trotzdem wird allein die Haftzeit von mehr als zwei Monaten eine abschreckende Wirkung auf potenzielle Ramadan-"Verletzer" haben. Die acht Männer waren bereits seit Ende August in Haft, einem neunten war die Flucht gelungen.

Erst am 22. Oktober war ein Gericht in Oum El Bouaghi (500 Kilometer südöstlich von Algier) zu einem ganz anderen Urteil gekommen. Der Muslim Bouchouta Fares (27) wurde wegen Nahrungsaufnahme während des Ramadans zu zwei Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von umgerechnet 1000 Euro wegen „Verletzung einer der fünf Säulen des Islams" verurteilt. Sein Verbrechen war, dass er während des Fastenmonats Ramadan tagsüber ein Sandwich essen wollte. Nach einer Denunziation wurde das Gebäude, in dem er sich mit einigen Anderen zum Essen getroffen hatte, von schwerbewaffneten Polizisten umzingelt und Fares mit vorgehaltenem Maschinengewehr verhaftet. Fares war der einzige, dem die Flucht nicht gelang. (Hier eine deutschsprachige Zusammenfassung auf der katholischen Webseite zenit.org, hier die französischsprachige Quelle bei Jeune Afrique).

In den vergangen Jahren haben sich derartige Prozesse in Algerien gehäuft. Allerdings ist ihr Ausgang nicht immer vorherzusehen. Am 5. Oktober hatte ein Gericht in Aïn el Hammam zwei christliche Arbeiter freigesprochen, die im Ramadan während ihrer Mittagspause gegessen hatten. Hocine Hocini und Salem Fellak hatten sich dabei auf ihren Glauben berufen, sich allerdings extra an einen "diskreten Ort" zurückgezogen. Kein Paragraph schreibe die Strafverfolgung in einem solchen Falle vor, präzisierte der Richter.

Die jüngsten Urteile sind auch deshalb interessant, weil es in Algerien vor allem unter den Berbern eine erfolgreiche Mission gibt. Das Christentum wächst dort, trotz aller gesetzlichen Einschränkungen und trotz gelegentlicher antichristlicher Gewaltakte. Welchen Glauben die acht jetzt Freigesprochenen haben, wird in den Quellen, soweit ich sehe, nicht erläutert. Da sie nicht ausdrücklich als Christen bezeichnet wurden, darf man aber wohl davon ausgehen, dass es sich um Muslime handelt. Das macht das Urteil noch sensationeller als den Freispruch für die beiden Christen im Oktober.

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