Mittwoch, 6. Oktober 2010

Was "König Lear" mit Stuttgart 21 zu tun hat


Kann ein Foto eine Regierung stürzen? Der Demonstrant, dessen Augen beim gewaltsamen Polizeieinsatz gegen Stuttgart 21-Gegner verletzt wurden, ist erblindet. Sein Schicksal bewegt uns (auch) so sehr, weil das mittlerweile tausendfach gedruckte Bild des alten Mannes tief an unser kulturelles Gedächtnis rührt.
Wenn irgendwann einmal Baden-Württembergs Ministerpräsident Steffen Mappus (CDU) stürzt oder nicht wiedergewählt wird, wird man sagen, dass dieses Foto ihn zu Fall gebracht hat:


Es zeigt den pensionierte Ingenieur Dietrich Wagner, der am vergangenen Donnerstag von Strahl eines Wasserwerfers direkt im Gesicht getroffen wurde. Der 66-Jährige hat seine Darstellung des Geschehens dem „Stern“ geschildert. Er muss zum zweiten Mal operiert werden, hat laut Aussagen der Ärzte „schwerste Augenverletzungen“.
Das alles ist furchtbar, aber es würde uns vermutlich nicht so sehr rühren, wenn es nicht das Bild von Wagner mit den blutigen Augen gebe, das alle Chancen hat, zu einer Ikone der Fotogeschichte zu werden. Wohl niemand kann das Bild betrachten, ohne das – bewusst oder unbewusst – Erinnerungen an Bilder, die jeder kennt und die das kulturelle Gedächtnis des Abendlandes geprägt haben, wach werden.
Die blutigen Augen Wagners gemahnen an Theaterinszenierungen von Shakespeares Drama „König Lear“: Der Narr und König Lear stützen den geblendeten Gloucester, dem Lears böse Tochter Regan und ihr Gemahl Cornwall die Augen ausgestochen haben. Hier sind zwei Bilder aus englischen Inszenierungen im Jahre 2004, die stellvertrend für viele andere stehen:
Eine Aufführung der Royal Shakespeare Company 2004 mit Corin Redgrave als Lear and David Hargreaves als Gloucester

Und eine andere englische Produktion aus dem Jahre 2004 mit Michael Cronin als Gloucester und Timothy West als Lear




Auch Ödipus, der andere große Geblendete der abendländischen Dramenliteratur ist oft mit solchen blutenden Augen dargestellt worden

Doch das Bild von Dietrich Wagner ist auch so unwerfend, weil es wie auf einem klassischen Gemälde geradezu allegorisch die drei Generationen zeigt.  Den "Großvater", den "Sohn" und den "Enkel". Man denkt beispielsweise an die hochdramatischen Szenen auf vielen, meist barocken Gemälde, die darstellen, wie Aeneas (der spätere Gründer Roms) seinen gelähmten Vater aus dem brennenden Troja herausträgt und dabei von seinen Sohn Askanios unterstützt wird.
Hier eine Version der Szene von Barocci

















In seiner Komposition (wenn man das so nennen darf, denn es ist ja nicht gestellt) mit dem schmerzverzerrten Gesicht eines alten bärtigen Mannes in der Mitte, der von zwei jüngeren Männern eingerahmt wird, erinnert das Stuttgart-21-Bild aber auch an die in Deutschland vor allem durch die Interpretation Lessings berühmte Laokoon-Gruppe:
Die Laokoon-Gruppe in den vatikanischen Museen

Es gibt immer wieder Bilder, die Geschichte nicht nur einfangen, sondern sie auch mitbestimmen. Die Fotos des Polizeichefs von Saigon, der einen gefangenen Vietcong erschießt oder eines nach einem Bombenangriff halbverbrannten Mädchens haben den Widerstand gegen den Vietnamkrieg legitimiert. Und das Bild der Studentin, die sich am Abend des 2. Juni 1967 in Abendgarderobe (sie war gerade aus der Oper gekommen) über den erschossenen Benno Ohnesorg beugt, wurde zu einer Ikone der 68er-Bewegung – auch weil die Frau so an Pieta-Gruppe mit Maria und dem toten Jesus erinnert.
Das Foto des blutenden Dietrich Wagner hat all diese Qualitäten und noch viel mehr. Es ist für Mappus und das ganze Projekt Stuttgart 21, aber auch für das Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat ungeheuer gefährlich.

PS (10 Oktober 2010):

Hier noch eine weitere "Vorlage" für das berühmte Foto: Gottfried Helnweins Cover zur Scorpions-LP "Blackout"

Und eine erste Parodie von "Titanic"

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