Dienstag, 26. Oktober 2010

Warum Jonathan Franzens "Freiheit" auch "Erbe" heißen könnte

Jonathan Franzens Roman „Freiheit“, der vor einigen Wochen zeitgleich auf Englisch und Deutsch erschien, hat zu Recht ein gewaltiges Medienecho mit überwiegend positiven und ausführlichen Kritiken bekommen.  Dennoch scheint keinem der Rezensenten aufgefallen zu sein, dass das Buch mit gleichem Recht „Erbe“ heißen könnte. Denn dieser Begriff – auf Amerikanisch „heritage“ oder „legacy“ - zieht sich wie ein Leitmotiv durch das Buch und alle Figuren kämpfen ständig mehr oder weniger bewusst um, mit oder gegen die kulturellen, ökologischen, finanziellen und religiösen Hinterlassenschaften der Altvorderen.

Der scheinbar etwas langweilige Naturschützer und Kulturmensch Walter Berglund zum Beispiel streitet doch eigentlich sein ganzes Leben gegen den übermächtigen Schatten seines prolligen und verantwortungslosen Alkoholikervaters.  Und er merkt gar nicht, wie er dabei immer mehr in die Fußstapfen seines Großvaters gerät. Auch der war ein Linker, der mit nahezu allen Menschen haderte, weil er – ob zu Recht oder zu Unrecht sei dahingestellt – glaubte, vieles besser zu wissen als seine Mitmenschen. Über den Großvater, einen schwedischen Auswanderer, schreibt Franzen einmal sinngemäß, es wären eben immer diejenigen aus Europa weggegangen, die mit den anderen nicht gut klar kamen und so hätten sie eine Prise neunmalkluges Soziopathentum in den genetischen Code der amerikanischen Gesellschaft eingeschmuggelt. Über diesen Großvater heißt es auch, dass seine Mutter ihn als Jungen vor allen anderen Kindern bevorzugte, weil sie möglicherweise nicht die erste Frau eines Berglund war, die mit ihrem Ehemann unzufrieden war – der Leser weiß zu diesem Zeitpunkt schon, dass sie vor allem nicht die letzte unglücklich verheiratete Frau in dieser Familie geblieben ist.  Sogar darin ist Walter ein Gefangener seines Erbes.

Andererseits spricht er, wenn es um seine Liebe zur Natur geht immer von gemeinsamen „Erbe“ – Amerikaner zählen auch die Natur zu ihrem „heritage“ – das es zu bewahren gälte. Etwa in den Vorträgen, die er seinen zunehmend genervten Nachbar am „nameless Lake“  hält ­- über den Vogelschutz und die schrecklichen Verwüstungen, die freilaufende Katzen in Amerika anrichten, weil es diese Tiere ursprünglich in der neuen Welt gar nicht gab und weil die Vögel dementsprechend noch weniger als europäische Artgenossen in der Lage sind, sich vor ihnen zu schützen.

Sein Haus am „nameless lake“ hat Walter übrigens von seiner Mutter geerbt. Lange hat er darüber nachgedacht, ob er dieses Allein-Erbe antreten dürfe oder ob er es gerechterweise mit seinen Brüdern teilen dürfe.

Mehrere Figuren des Romans versuchen auch, sich von ihrem jüdischen Erbe zu befreien oder es wiederzuentdecken. Die Mutter von Walters Frau Patty beispielsweise, hasste es jüdisch zu sein und hat in eine liberale, areligiöse, linke Familie christlicher Herkunft hinein geheiratet . Diese lebt übrigens ganz gut vom ererbten Reichtum des Schwiegervaters. Als Pattys und Walters Sohn Joey gegenüber der Familie  eines jüdischen College-Freunds andeutet, dass seine Großmutter Jüdin war, wird er von den Leuten sofort als Jude begrüßt (den nach den Vorstellungen traditioneller Juden vererbt sich das Judentum über die mütterliche Linie) und eingeladen sich in ihrer Bibliothek mit seinem „heritage“ zu beschäftigen.

Ähnlich unverhofft entdeckt auch das etwas nuttenhafte russische Model Galina, das Pattys Bruder Edgar während seiner Zeit als Investmentbanker geheiratet hat, plötzlich ihr jüdisches Erbe wieder. Nachdem Edgar bankrottgegangen ist, leben er und Galina dann auf einem Anwesen, das ihnen der Großvater hinterlassen hat. Der Streit um dieses wertvolle Stück Land entzweit sie von Edgars Schwestern Abigail und Veronica, die es lieber verkaufen wollen, um auch etwas von dem Geld abzubekommen. Als Patty sich nach Jahrzehnten endlich mit ihrer Mutter versöhnt, bittet diese sie, den Streit zwischen den Geschwistern zu schlichten und eine finanziell einvernehmliche Lösung zu finden. Das gelingt Patty. So wird ausgerechnet eine erfolgreich geregelte Erbschaftsangelegenheit zur Krönung von Pattys Rückkehr in eine Familie, vor deren vergiftetem Erbe sie einst in die Ehe mit Walter geflohen ist.

Diese Befreiungskämpfe, die Patty in ihrer Jugend ausstehen musste, spiegeln sich in der Situation von Lalitha, der indischstämmigen Assistentin ihres Mannes. Von dieser jungen Frau erwarten ihre Eltern und ihr Verlobter, obwohl sie als Ingenieure bzw. als Arzt doch scheinbar moderne Menschen sind die das Erbe der alten Kastengesellschaft abgestreift haben,  ein Verhalten, das die Traditionen mehr respektiert – und vor allem einen Erben.  In ihrem Bestrebungen sich von diesen Wurzeln, die sich als Fesseln empfindet, loszureißen, kämpft Lalitha an vielen symbolischen Fronten: Als Walters Tochter sie nach der indischen Küche fragt, antwortet sie höhnisch und aggressiv, davon habe sie keine Ahnung, sie könne noch nicht mal Eier kochen. Ganz offensichtlich gehört sie zu den Frauen,  die die Küche für einen Ort überkommener Sklaverei halten. Ihre offensiv propagierte Kinderlosigkeit gehört eindeutig auch in den Zusammenhang  jener Kämpfe gegen eine imaginäres Erbe.

Die einzige Person im Roman, die komplett frei von solcher Erbe-Paranoia zu sein scheint, ist der Musiker Richard. Doch das stimmt natürlich nicht. Erstens hat er den Beruf seines Vaters (ebenfalls ein Musikant) ergriffen, in dem dieser – im Gegensatz zu ihm niemals großen Erfolg hatte  - weil er ein Kind bekam und eine Frau heiraten musste, die ihm mehr oder weniger versklavte. Die Bindungslosigkeit von Richard ist natürlich ein Versuch, genau dieses Schicksal zu vermeiden. Der Erfolg stellt sich bei Richard übrigens ein, als er sich vom Punk – einer aggressiven Form der musikalischen Traditonsverneinung frei macht – und sich dem Country- und Folk-Erbe Amerikas nähert.

Ich bin mir nicht sicher, ob einmal explizit erwähnt wird, dass Katz ebenfalls Jude ist. Aber sein Name, sein Aussehen (man sagt über ihn, er sehe dem jungen Ghaddafi ähnlich) und die Tatsache, dass er einen „Jewfro“ (einen Juden-Afro wie Art Garfunkel) trägt, sagen genug. Seine Mutter hat wie Patty mit diesem Erbe gebrochen: Sie hat sich als „religious nutcase“ dem evangelikalen Christentum in die Arme geworfen und das Verhältnis zwischen ihr und Richard ist die einzige Eltern-Kind-Beziehung in diesem Buch, in der es keine Aussicht auf Versöhnung gibt.

Der Titel „Freiheit“ ist also auch eine Form der Ablenkung. Er fasst keineswegs so plump und plakativ das Thema des Romans zusammen, wie man annehmen könnte. Sondern er ist Teil eines literarischen Versteckspiels, das die weiteren Themen kaschiert. Zwar geht es in Franzens Buch tatsächlich um „Freiheit“ (ein paar kluge Gedanken dazu hier in einem Blog des britischen Economist). Aber eben auch in vielerlei  Variationen darum, wie das menschliche Freiheitsstreben von ererbten Einhegungen gehemmt wird und darum, dass das alles auch gar nicht so schlimm ist, wie Franzens Figuren eine Zeit lang glauben. Die Pointe des Romans ist ja, dass die freiwillige Aufgabe von Freiheit in einer Familie auch etwas Positives sein kann. Patty vor allem braucht fast 500 Seiten (das amerikanische Original, das ich gelesen habe, hat 562), um diese Pointe zu verstehen.

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