Sonntag, 10. Oktober 2010

Warum 44 tote Deutsche in Afghanistan zu viel sind - aber nicht viel

In Afghanistan ist vor vor drei Tagen der 44. deutsche Soldat getötet worden. Jeder einzelne Gefallene ist eine persönliche Tragödie – und dennoch ist die Zahl von 44 Toten Bundeswehrsoldaten seit 2002 so niedrig, dass sie eigentlich der neuerdings gängigen Sprachregelgung, deutsche Soldaten führten dort „Krieg“, widerspricht.
Zum Vergleich: Beim Polenfeldzug 1939 und beim Frankreichfeldzug 1940, die beide – was auch immer man moralisch von ihnen halten mag – als glänzende, mit geringen eigenen Verlusten erkaufte deutsche Siege galten, starben innerhalb weniger Wochen 11 000 (3400 Vermisste) bzw. 27074 (18 384 Vermisste) deutsche Soldaten.

Der Psychologe Steven Pinker, der seit Jahren Daten für ein Buch über den weltweiten Rückgang der Gewalt sammelt, führt die niedrigen Todeszahlen in jüngeren Konflikten in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ darauf zurück, dass fast nirgendwo mehr „klassische Kriege“ geführt werden: „Kriege zwischen Nationen gibt es fast keine mehr. Seit dem Zweiten Weltkrieg waren die Kriege mit den wirklich großen Opferzahlen der Koreakrieg, der Vietnamkrieg und der erste Golfkrieg zwischen Irak und Iran. Doch seit dem Ende des Kalten Krieges ist selbst die Zahl der Bürgerkriege zurückgegangen.“

Zwar gebe es noch Kriege in einem geografischen Halbmond, der von Afrika über den Nahen Osten bis nach Südostasien reicht, aber diese Kriege würden von Warlords und Milizen geführt, die gar nicht über die Vernichtungspotenziale und den Grad an tödlicher Organisation verfügten, den ein Nationalstaat besitzt: „… diese Kriege haben eine andere Qualität. Warlords und Milizen richten numerisch keinen so großen Schaden an wie Armeen, die Artilleriegranaten auf die Städte des anderen schießen.“

Interessant auch, dass Pinker in seinen Datensammlungen eine weltweiten Anstieg der privaten Gewalt, also der Mordraten in den Sechzigerjahren registriert, der erst in den Achtziger- und Neunzigerjahren zurückgegangen sei. Er führt das auf die gesellschaftlichen Umbrüche der Sechzigerjahre zurück: „Damals feierte man die Impulsivität, die Rebellion, man verhöhnte die Selbstbeherrschung - mach dein Ding, lass jucken, walk on the wild side. Ich fühle mich zwar wie ein Verräter meiner Generation, aber es war diese ganze Kultur von Rock and Roll and Rebellion.“ Die Hippies wollten vielleicht den Frieden, aber der Effekt der von ihnen angezettelten Kulturrevolution war finster und grausam.

Man könnte noch ergänzend zu dem Interview anmerken, dass viele der letzten Kriege mit Hilfe von Drogenprofiten oder um Drogenprofite geführt werden. Auch eine später Nachwirkung der Sechzigerjahre und der Drogenwelle.

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