Freitag, 16. Oktober 2009

Rainald Goetz' "Loslabern"

Gestern auf der Hin- und Rückfahrt nach Leipzig habe ich das neue Buch von Rainald Goetz komplett durchgelesen. Eine wahrhaft bewusstseins- und spracherweiternde Erfahrung. Die ganzen 187 Seiten bestehen aus - gefühlt - höchstens einem Dutzend atemlosen Sätzen. Beschrieben wird der geschwätzige, selbstverliebte Irrsinn der Berliner Mediengesellschaft im Berliner Krisenherbst 2008. Höhepunkt ist die aberwitzig lustige Beschreibung des FAZ-Herbstempfangs im Hotel du Rome (das können die sich zumindest im Roman noch leisten). Das alles wird durch die Augen eines hochsensiblen, leicht paranoiden, amok-assoziierenden Ich-Erzählers betrachtet, der natürlich starke Ähnlichkeit mit dem Autor hat. Großartig sind die Porträts von Kai Diekmann oder Thomas Middelhoff. So komisch kann weißglühender Hass sein! Nur dass Goetz die zeittypischen Flachpfeifen Ulf Poschardt und Benjamin Stuckrad-Barre noch immer lieb hat, wirkt angesichts der Schärfe, mit der er alles andere betrachtet, schon fast wieder rührend. Es sind eben Freunde. Auch ein paar Anachronismen haben sich eingeschlichen. Dauernd ist von einem Guttenberg die Rede, den 2008 noch keiner kannte und den 2010 hoffentlich keiner mehr kennen wird. Sein bestes Buch seit "Irre". Der neue Balzac - und wie der echte Balzac vielleicht ein wenig zu redselig. Aber man kann gut springen.

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