Samstag, 30. Oktober 2010

Der lange Schatten irischer Massaker

Die Massaker an Protestanten während des Aufstandes der irischen Katholiken 1641 liegen 369 Jahre zurück, aber sie bestimmen immer noch die gegenwärtige Politik auf der Insel. Damit soll nun Schluss sein: Die „Depositions“, die Zeugenaussagen von Überlebenden der Metzeleien nach Jahrhunderten, sind jetzt, nach Jahrhunderten, in denen sie in der Bibliothek des Trinity Colleges von Dublin mehr oder weniger versteckt waren, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Sowohl die katholische irische Präsidentin Mary McAleese, als auch der nordirische protestantische Pfarrer Ian Paisley, einst einer der schlimmsten Scharfmacher im Bürgerkrieg, werteten das als ein neues Kapitel der gemeinsamen Vergangenheitsbewältigung.

Jürgen Elvert beschreibt in seiner „Geschichte Irlands“ (S. 215), wie die Gräueltaten von 1641 in den Fehden zwischen den Glaubensgemeinschaften nachwirkten:

„Vielerorts kam es zu massiven Übergriffen katholischer Rebellen gegen protestantische Siedler, die oft auf grausame Weise umgebracht wurden. Schätzungen über Verlust unter den nordirischen Protestanten gibt es viele. Begründete Vermutungen gehen von etwa 12000 Opfern in den ersten Tagen des Aufstandes aus. Besondere Symbolkraft hat das Massaker vom 23. 10. 1641 am Blackwater bei Portadown erlangt, wo binnen weniger Stunden hunderte Frauen, Männer und Kinder von Katholiken umgebracht wurden. Noch heute (das Buch erschien 1993, mh) tragen viele Banner, die auf Umzügen der ,Orange Order‘ durch nordirische Städte getragen werden, als Mahnung die Aufschrift ,Portadown 1641‘. Diese Greueltaten genauso wie die bewußte und gezielte Erinnerung daran haben zweifellos erheblich zu dem Mißtrauen beigetragen, mit dem auch heute noch viele Protestanten ihren katholischen Mitbürgern in Nordirland begegnen.“

Der Historiker Martin Alioth schreibt in einem Artikel, der gestern in der Neuen Zürcher Zeitung erschien, über die Massaker:

„In ganz Irland stürzte sich der Mob mit entfesselter Grausamkeit auf protestantische Familien. Sie werden gefoltert, massakriert, ersäuft. Die Zahl der Opfer wird immer ein Rätsel bleiben, aber sie liegt, so Ohlmeyer (Jane Ohlmeyer, eine Historikerin vom Trinity-College, Embonpoint), bestimmt im fünfstelligen Bereich.“

„Unter der Führung des anglikanischen Klerus wurde schon im Dezember 1641 eine Untersuchungskommission eingesetzt, die eben jene Kundschaften erbat und sammelte. Dieser Entstehungszusammenhang der im frühneuzeitlichen Europa einzigartigen Quellensammlung – es handelt sich um rund 19 000 Seiten, in denen etwa 90 000 Personen namentlich genannt werden – deutet bereits auf propagandistische Absichten hin.“


„Die Quellensammlung wurde schon 1741 an Trinity zur Verwahrung übergeben. Doch das Lumpenpapier wurde wie eine geschärfte Mine behandelt. Versuche, die Kundschaften in den 1930er Jahren und erneut in den 1960er Jahren zu publizieren, scheiterten am Veto der irischen Behörden. Der Inhalt der Konvolute wurde auch drei Jahrhunderte später noch als zu brisant erachtet, als Zunder für die nur vorübergehend schlummernden konfessionellen Aggressionen. Doch jetzt scheint die Zeit endlich reif geworden zu sein. Der Friedensschluss in Nordirland und die Säkularisierung der irischen Gesellschaft haben die Leidenschaften abgekühlt.“

Der Aufstand brach bekanntlich trotz oder wegen der Grausamkeiten schnell zusammen. Er sorgte aber u. a. dafür, dass im gleichzeitig tobenden englischen Bürgerkrieg, dass Misstrauen zwischen dem puritanisch gesinnten Parlament und dem katholischen König, den man der Sympathien für die irische Rebellion verdächtigte noch wuchs. Bekanntlich endete der Bürgerkrieg mit der Enthauptung von König Karl I. und der Installation des Rebellenführers Oliver Cromwell als Lord Protector.

Als der Millitärdiktator 1649 mit einer Armee in Irland landete, kam er ausdrücklich, um Rache für die Massaker von 1641 zu nehmen. Und er tat das gründlich. Alioth schreibt:

„Seine Massaker in Drogheda und Wexford sind auf katholischer Seite ebenso in die kollektive Mentalität eingesickert wie die Bluttaten von 1641 auf protestantischer.“

Über das Massaker von Drogheda an Soldaten und Zivilisten im September schreibt der nüchterne Historiker Elvers in seiner Geschichte Irlands (S. 229):

„Obwohl nach den damaligen Kriegsgepflogenheiten Cromwell sogar zu Recht einer Garnison Pardon verweigert hatte, die nach einer verweigerten Übergabe gestürmt worden war, übertraf die Rücksichtslosigkeit seines Vorgehens alle bislang in Irland bekannten Maßstäbe und sicherte ihm eine dauerhafte Spitzenposition in der ewigen Liste der am meisten gehassten Persönlichkeiten in Irland.“

Von diesem Hass und seinen Auswirkungen auf Protestanten am anderen Ende der damaligen Religionskriegsschauplätze erzählt der englische Schriftsteller Julian Barnes in seinem Buch „Cross Chanel“ (dt. „Dover Calais“, 1996).

Sämtliche Erzählungen darin handeln von Briten, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen über den Kanal auf die Reise nach Frankreich gemacht haben. In der Geschichte „Dragons“ wird eine Dragonade beschrieben, bei der Soldaten im Auftrag des Sonnenkönigs Ludwig XIV. französische Hugenotten terrorisieren. Besonders aktiv und einfallsreich gehen dabei irische Söldner vor, die ihre Heimat offensichtlich wegen des protestantischen Terrors dort verlassen haben. Als eine vergewaltigte junge Protestantin fragt, wer sie den geschickt hätte, sagen die Söldner, der Name des Mannes sei Cromwell. Daraufhin verflucht das Mädchen den ihr unbekannten Cromwell vor Gott.

Von solchen Emotionen scheint die Veranstaltung, bei der die Internetveröffentlichung der "Depositions" jetzt in Dublin zelebriert wurde, frei gewesen zu sein. Am erstaunlichsten klang die versöhnliche klingende Rede von Ian Paisley, der früher einer der militantesten Protestantenführer war und jetzt – mit 86 – offenbar seinen Nachruhm im milden staatsmännischen Licht erscheinen lassen möchte.

Alioth schreibt in seinen NZZ-Artikel über Paisleys Auftritt:

„Die einst donnernde, bellende, geifernde Stimme ist brüchig geworden, aber Paisley hat Kreide gefressen: Die historische Aufarbeitung solle dazu dienen, den beiden Teilen Irlands eine gemeinsame Zukunft zu ermöglichen. «Hier liegen tragische Einzelgeschichten», bemerkte er, «hier liegt aber auch die düstere Geschichte unserer Insel.» Anschliessend zitierte Paisley, der immer mehr zum alttestamentarischen Propheten wird, die Sprüche Salomos ausführlich – «Ein jegliches hat seine Zeit . . .» Ob er damit implizit seine Jahrzehnte währende Scharfmacherei rechtfertigen wollte, sei dahingestellt, nach Trinity kam er in guter Absicht, um Seite an Seite mit der Frau aus Ardoyne ein neues Zeitalter einzuläuten.“

Das mag sein, und verglichen mit Paisley früheren volksverhetzenden Brandreden hatte sein Protest gegen den jüngsten Besuch des Papstes in England etwas geradezu rührend Kauziges. Paisley unterstellte Benedikt, für dessen Auftritte Fans bis zu 25 Pfund Eintritt bezahlen mussten, damit eine Art Ablasshandel im Stile des guten alten Tetzel zu betreiben. Dem „Telegraph“ sagte er:

„No man can forgive sins but God Almighty and what is more Jesus has said it’s without money and without price. I come from Ballymena – it’s supposed to be a mean place – but I believe in a gospel without money and without price.”

Solche theologischen Spitzfindigkeiten führten früher zu Gemetzeln, heute sind sie allenfalls noch für Schlagzeilen in der britischen Presse gut. Und das ist ein Fortschritt, den man nur begrüßen kann.

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