Dienstag, 26. Oktober 2010

Der Geruch der Schweine

Fast jeder kennt die Geschichte von Till Eulenspiegel, der sich in einem Wirtshaus am Geruch des Bratens gütlich tat und, als der Wirt ihn aufforderte, diesen frugalen Genuss zu bezahlen, die Rechnung mit dem Klang des Geldes beglich. An diese Parabel musste ich denken, als ich in den vergangenen Tagen von zwei sehr unterschiedlichen Auseinandersetzungen um den Geruch von Schweinen las. Gemeinsam ist ihnen nur, dass es beide Male um religiöse Tabus geht.

Süddeutsche Zeitung, BILD und andere haben über die Klage gegen eine Mastanlage mit 1000 Schweinen berichtet, die ein Bauer Nordheim v.d. Rhön (Landkreis Rhön-Grabfeld) in Geruchsweite eines jüdischen Friedhofs errichten will. Die israelitische Kultusgemeinde in Bayern hatte gegen die Mastanlage geklagt, denn – so ihr Präsident Josef Schuster: „ Der Bau käme einer Schändung des Friedhofes gleich.“ Für Juden sind Schweine bekanntlich unreine Tiere. Die israelitische Kultusgemeinde argumentiert: Angesichts des zu erwartenden Gestanks sei nach dem jüdischen Religionsgesetz das Beten nicht mehr erlaubt. Das Verwaltungsgericht Würzburg hat die Klage abgewiesen – was Schuster gerade angesichts des derzeitigen Beharrens vieler Politiker auf die „christlich-jüdische Leitkultur“ in Deutschland befremdlich findet.

Wesentlich mehr Verständnis für Menschen, die sich durch Schweinegeruch belästigt fühlen, hat die Umweltbehörde in Stockport, einer britischen Stadt im Verwaltungsbezirk Greater Manchester. Sie zwingt die Eigentümerin eines Sandwich-Ladens, einen Entlüftungsventilator zu entfernen, weil einer ihrer Nachbarn sich durch den Schinkengeruch aus der Küche belästigt fühlt. Der Nachbar ist selbst kein Muslim, behauptet aber, seine muslimischen Freunde würden ihn nicht mehr besuchen, weil der Geruch von gebackenem Schwein für sie angeblich unerträglich sei.

Besonders absurd wird die Angelegenheit dadurch, dass die Besitzerin des Sandwichladens Beverley Akciecek selbst mit einem Muslim verheiratet ist. Die 49-Jährige, die den Laden vor drei Jahren übernahm, sagte dem britischen „Telegraph“, ihr türkischer Mann Cetin stünde selbst in der Küche, würde den Schinken zubereiten und weder er, noch sein Bruder oder seine muslimischen Freunde hätten jemals an dem Geruch Anstoß genommen. Die Behörde blieb unerbittlich: Der Ventilator muss entfernt werden.

Schweine sind in den weltweiten Kulturkämpfen um Religion und Politik hochsymbolische Tiere. Islamisten erzählen gerne die Legende, dass die Chinesen angeblich eine beklagenswerte Volksgesundheit hätten, weil sie so viel Schweinefleisch essen (überliefert ist diese Wanderlegende u. a. in dem Film „Fremder Freund“ aus dem Jahre 2003) – dabei muss man doch nur die Lebenserwartung und die Übergewichtsraten in arabischen Ländern mit denen in China vergleichen, um festzustellen, was das für ein Unfug ist. Auch Homosexualität wird in islamistischen Publikationen oft auf den Genuss von Schweinefleisch zurückgeführt. Und als 2008/2009 in Ägypten angeblich als Vorbeugung gegen die Schweinepest fast sämtliche Schweine von den Behörden geschlachtet wurden, wurde das zu Recht als Diskriminierung der koptisch-christlichen Urbevölkerung aufgefasst, aus der Schweinezüchter und Schweinefleischesser in Ägypten fast ausschließlich stammen (aber es gibt auch nicht-strenggläubige Muslime und Juden, die ab und zu eine Bratwurst zu schätzen wissen).

Hierzulande werden in Schulen mit einem hohen Anteil an Muslimen deutsche Schüler als „Schweinefleischfresser“ beschimpft. Und in rechten Internetforen taucht immer mal wieder die Legende auf, dass muslimische Jungen angeblich bei deutschen Metzgern auf das Schweinefleisch spucken. Allerdings hat bisher noch kein Journalist jemals einen derart geschädigten Fleischer ausfindig machen können.

Trotzdem fühlen sich Islamhasser zur Verteidigung des Schweines und seines Fleischs aufgerufen. Auf der einschlägigen Seite „Poltically Incorrect“ war anlässlich der Ereignisse in Ägypten mitfühlend vom „Dschihad gegen das Schwein“ die Rede. Das fordert offenbar bizarre Art von Solidarität mit dieser Kreatur heraus. Man ehrt sie, indem man sie verzehrt. Militante französische Rechte laden immer mal wieder ihre Gesinnungsgenossen dazu ein, die Muslime im Lande zu provozieren, indem sie sich zu einem „Apero“ (einem im Internet verabredeten öffentlichen Gelage auf Straßen und Plätzen) treffen, bei dem vor allem Alkohol getrunken und Schweinefleisch gegessen wird.

Recht haben sowohl die fanatischen Schweine-Mörder im Islam als auch die Porc-verzehrenden Anhänger Le Pens damit, dass die Sau - aller Zoologie spottend - immer schon ein Schlachtross im Kampf der Weltreligionen war. Als sich die Muslime im Mittelalter anschickten von Spanien aus das nördliche Europa zu erobern, wurden sie durch eine Armee von Schweinefleischessern gestoppt. Denn dies war das Grundnahrungsmittel des germanisch-romanisch-keltischen Völkergemischs, dass die Araber in der Schlacht von Tours und Poitiers stopptr. Der Heerführer Karl Martell hätte seine Truppen anfeuern können, indem er ihnen drohte: „Der Feind will euch das Schweinefleisch verbieten, kämpft für das Recht auf Braten!“

Tatsächlich hatten sie fast nichts anderes. Der Ernährungshistoriker Massimo Montanari weist in seinem Buch „Der Hunger und der Überfluss“ (Verlag C. H. Beck) darauf hin, dass die Nahrungsgewohnheiten von Asterix und Obelix in den Comics von Goscinny und Uderzó durchaus historisch korrekt dargestellt wurden. Bekanntlich essen die beiden nichts lieber als Wildschweine. Und tatsächlich – so Montanari - seien Schweine, die zur Eichelmast in den Wald getrieben wurden, die Hauptnahrungsquelle der Bevölkerung Nordeuropas gewesen, solange der Kontinent weitgehend von Wäldern bedeckt war. Man müsse sich diese Schweine allerdings eher so wie die Tiere auf den Bildern Albrecht Dürers vorstellen: Halbwilde, dunkelborstige, furchterregende Kreaturen, die mit den domestizierten Turboschweinen von heute wenig gemein hatten.

Das Fleisch dieser Schweine war keineswegs ein Luxus. Wer sich nur von Fleisch ernährt, bekommt Mängelkrankheiten und wird nicht richtig satt. Der Althistoriker Hans Oppermann berichtet in seiner bei rororo erschienen Caesar-Monographie davon, wie wichtig Getreide für die Versorgung der römischen Legionen gewesen sei und ergänzt aus eigener Kriegserfahrung (S. 55): „Fleisch war nur ein Hilfsmittel für den Mangel, und es ist ein Zeichen von Verpflegungsschwierigkeiten, wenn der Soldat darauf angewiesen ist. Mit Recht: als während des schnellen Vormarsches in Frankreich 1940 einige Tage das Brot nicht nachkam, waren wir trotz reichlichen Fleischgenusses dauernd hungrig.“ Tatsächlich war die Schweinefleischernährung im Frühmittelalterlichen Europa ein Symbol landwirtschaftlichen Niedergangs: Flächen, auf denen in der römischen Zivilisation Ackerbau betrieben wurde, verwaldeten laut Montanari (S. 24 ff) seit dem 3. Jahrhundert vielerorts wieder. Hier konnte man nur noch Schweine weiden lassen.

Aber es kam wie so oft: Nachdem die Not gelindert und das Brot dank der erneuten Urbarmachung der Wälder wieder verfügbar war, blieben die Menschen ihren Nahrungsgewohnheiten bis zu einem gewissen Grade treu. Das Fleisch, das sie einst aus Mangel gegessen hatten, aßen sie nun aus Genuss. In Amerika galten um 1900 deutsche und italienische Einwanderer als die größten Risikogruppen für Trichinose, weil beide aus alter europäischer Gewohnheit so gerne ungegartes Schweinefleisch aßen (in dem die Trichinen also nicht durch Hitze getötet wurden): die Deutschen vor allem in Form von Gehacktem, die Italiener in Form von luftgetrockneten Schinken.

Noch fanatischere Schinkenesser sind nur die Spanier: Bei ihnen war Schweinefleisch tatsächlich lange Zeit ein religiöses Distinktionsmittel. Nach der Reconquista und der Vertreibung der Juden und Araber witterte man dort überall versteckte „Maranos“  und „Moros“, die im Geheimen weiter ihrer Religion anhingen. Durch den Genuss von Schweinefleisch distanzierte man sich von diesen Gruppen und beteuerte  gewissermaßen ohne Worte, ein katholischer Spanier von „reinem“ Blut zu sein. In dem Film „Goyas Geister“ von Milos Forman macht sich eine junge Frau einem Inquisitor noch Ende des 18. Jahrhunderts allein dadurch verdächtig, dass sie in einer öffentlichen Schenke ein Schweinefleischgericht ablehnt. Sie wird daraufhin verhaftet und beschuldigt, in Wirklichkeit Jüdin zu sein. Die Geschichte ist keineswegs völlig aus der Luft gegriffen.

Dabei hat das Schwein im christlichen Schrifttum ja auch keinen wirklich guten Ruf.  Jesus warnt seine Jünger: „Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, damit die sie nicht zertreten mit ihren Füßen und sich umwenden und euch zerreißen.“

Seltsamerweise war allerdings Schweinmast zu Jesu‘ Zeiten in Israel noch gang und gäbe. Denn sonst hätte Jesus nicht eine Legion von Dämonen, die er einem oder zwei Besessenen austrieb, in eine Schweineherde fahren lassen können.  Und der verlorene Sohn hätte sich nicht am Tiefpunkt seiner Erniedrigung als Schweinehirte verdingen können. Wenig wissen wir über die Einschränkungen, denen die Schweinezucht damals im jüdischen Land unterworfen war und darüber, wer diese Schweine eigentlich aß. Nur die Griechen und Römer? Oder auch hellenisierte Juden, die es mit dem Verdikt der „Unreinheit“ nicht mehr so genau nahmen. Man weiß nicht so genau, wer die Gadarener, Gergesener oder Gerasener waren, denen die Schweineherde am Ufer des Sees Genezareth gehörte.

Nur ahnen können wir, warum das Schwein im Judentum später noch unbeliebter geworden ist: Ausgerechnet die zehnte römische Legion „Legio X fretensis“, die im jüdischen Krieg 66-73 eine entscheidende Rolle spielte (u. a. mit der Eroberung von Jerusalem und der Belagerung von Massada) und die 132-135 n. Chr. auch die letzte große jüdische Revolte, den Bar-Kochba-Aufstand, niederschlug, hatte als Feldzeichen u. a. einen Eber.

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