Mittwoch, 13. Oktober 2010

Christentum und Demokratie

Ein Freund von mir, der ein ziemlich eifernder Atheist ist (auch das muss man mal aushalten können), macht mich begeistert darauf aufmerksam, dass der „Philosoph“ Michael Schmidt-Salomon morgen zu Gast in der ZDF-Sendung „Maybrit Illner“ ist und dort zum Thema: „Kreuzzug 2010 - Gehört der Islam wirklich zu Deutschland?“ mitdiskutiert. Auf der Website zur Sendung gibt es bereits ein Interview, das Frau Illner heute mit ihm führte. Der Titel des Interviews fasst die Kernthese des „Religionskritikers“ zusammen: „Demokratie ist kein christlicher Wert“.

Das mag wohl sein. Ähnlich hat sich der Theologe Friedrich Wilhelm Graf heute in der „Süddeutschen Zeitung“ geäußert. Die „westlichen Werte“ seien nicht einfach Ausdruck einer „christlich-jüdischen Kultur“: „Der moderne Verfassungsstaat, und speziell der Rechtsstaat in Deutschland, ist weithin gegen die Kirchen durchgesetzt worden. So wurde etwa noch weit bis in die fünfziger Jahre in den Diskursen beider großen Kirchen der Begriff ,Menschenrechte’ eher kritisch gesehen, als liberalistische Verirrung des modernen Menschen.“

Dennoch wird man mal fragen dürfen: Wieso ist dann die Demokratie ausgerechnet im christlichen Kulturkreis entstanden? Und wieso ist in den Ländern, die das Christentum abschaffen wollten – Russland, China, Nazideutschland – auch die Demokratie abgeschafft worden?

Ich glaube, dass im Menschenbild der Bibel eben doch ein Nucleus liegt, aus dem sich im Laufe einer langen Entwicklung das moderne demokratische Menschenbild entwickelt hat. Meine Kollege Hannes Stein ging ja in seinem Buch „Moses und die Offenbarung der Demokratie“ so weit, zu behaupten, die Juden des Alten Testaments und keineswegs die Griechen hätten das Konzept der Demokratie in die Welt gebracht. Der von ihm selbst formulierte Klappentext lautet: „Als Moses am Berg Sinai die Gesetzestafeln in Empfang nimmt, hält die Moral Einzug in die Religion. So wird das Individuum geboren, das sich und seine Taten vor dem göttlichen Gesetz nunmehr allein verantworten muß. Mit dem Bund Sinai entsteht das autonome Rechtssubjekt. Die liberalen Gesellschaften des Westens wären ohne diese jüdisch-christlichen Traditionen nie entstanden. Die Demokratie kam nicht aus Athen, sie kam aus Jerusalem.“

So weit würde ich nicht gehen. Aber im Laufe der Demokratie-Evolution in Europa und Amerika hat sich gezeigt, dass man immer mit der Bibel gegen die herrschenden Verhältnisse argumentieren konnte. Das reicht von der Parole der Bauernaufstände "Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?" bis hin zur Amerikanischen Revolution, als die Patrioten den britischen König als den "Pharao" bezeichneten. Und die Sklavenbefreiung stand vor allem in den USA unmittelbar im Zusammenhang mit religiösen Bewegungen wie den Quakern und Abolitionisten, die die Sklaverei als eine Sünde gegen Gott verdammten.

Auch bei Luther war der Begirff der Freiheit zentral – auch wenn Luther ganz bestimmt keinen modernen demokratischen Freiheitsbegriff im Sinne hatte. Doch um den Freiheitsbegriff zu säkularisieren, muss man überhaupt erst mal einen haben. In anderen Kulturkreisen existierten die Ideen von Freiheit und Menschenrechten schlicht gar nicht und mussten importiert werden.

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