Freitag, 24. September 2010

Steile These: Die Nazis als Förderer der Kirchen

In Berlin fand bis heute der Deutsche Juristentag statt. Zu Beginn wurde dort auch über das Verhältnis zwischen Staat und Religion gesprochen. Am meisten Aufsehen erregte ein Vortrag des Berliner Rechtswissenschaftlers Christoph Möllers, in dem er die religiöse Neutralität des Staates bezweifelt und unterstellte „die Identifikation von Normalgesellschaft und Christentum in Deutschland“ sei ein Erbe des Nationalsozialismus.

Der 1969 geborene Möllers ist ein äußerst renommierter Staatsrechtler, der u. a. für die Bundesregierung arbeitet. Als Historiker ist er ganz offensichtlich ein bisschen einäugig und bereit, Fakten etwas zu „dehnen“, wenn es gegen die Kirchen geht. Als ich den grundsätzlich Möllers' Thesen zustimmenden Artikel von Christian Bommarius (einem wirklich schwer erträglichen Vertreter des deutschen Bessserwisser-und-Gesinnungsjournalismus) in der „Frankfurter Rundschau“ las, hatte ich spontan den Gedanken „Na, das klingt ja wie eine Verlautbarung der ,Humanisten“.“ Einmal googeln bestätigte, dass Möllers tatsächlich im Juni auf einer gemeinsamen Veranstaltung der „Humanistischen Union“ (die sich allerdings im Gegensatz zum „Humanistischen Verband“ immer als ,nicht-weltanschaulich’ definiert) und der Berliner Humboldt-Uni einen Vortrag gehalten hat. Zur Freude der ideologisch entsprechend eingestimmten Zuhörer sprach er von einer „christlichen Schieflage des Religionsbegriffes unserer Verfassung“.

So ist es nicht verwunderlich, dass Möllers auch auf dem Juristentag in die gleiche Kerbe schlug. Die FR zitierte ihn: „Die öffentliche Präsenz nicht-christlicher Religionen sei weder im Kaiserreich noch in der Weimarer Republik ungewöhnlich gewesen: ,Die Identifikation von Normalgesellschaft und Christentum in Deutschland ist eben auch ein Erbe des Nationalsozialismus.’ Das laute Hüsteln, das an dieser Stelle den gut besetzten Saal erfüllte, wurde nicht durch gereizte Schleimhäute verursacht.“

Christoph Möllers
Vielleicht hatten die Huster ja einfach nur ein Minimum historischer Kenntnisse. Vielleicht wussten sie ja, dass die Nazis die Vernichtung der Kirchen – wie vielfach in Quellen belegt – nur aus taktischen Gründen bis nach dem „Endsieg“ verschoben haben. Vielleicht wussten sie, dass Himmler, Rosenberg & Co eher von einer Widerkehr der germanischen Götter träumten und Hitler sogar ein islamisches Deutschland lieber gewesen wäre als ein christliches. Vielleicht wussten sie davon, dass trotz aller Anbiederung etwa der so genannten „Deutschen Christen“ an das Regime keine Rede davon sein kann, dass das Christentum im NS-Staat propagierte Staatsreligion war.

Möllers scheint das auch einmal gewusst zu haben. In seinem Humboldt-Vortrag referierte er die Ergebnisse der Debatten im Parlamentarischen Rat, der 1949 das Grundgesetz der Bundesrepublik fixierte: „Mit dem Ergebnis dessen, was den beiden Kirchen im Grundgesetz an Rechtsansprüchen garantiert wurde, könnten diese durchaus zufrieden sein - der komplette Bestand an Staatskirchenrechten aus der Weimarer Zeit wurde in die Bundesrepublik hinüber gerettet.“ 2009 stammte die staatliche Privilegierung der Kirchen laut Möllers also aus der Weimarer Republik, 2010 ist sie plötzlich ein Ergebnis der Nazi-Zeit. So schnell ändern sich die historischen Fakten.

Auch die Behauptung auf dem Juristen-Tag über die öffentliche Präsenz nicht-christlicher Religionen im Kaiserreich und in der Weimarer Zeit wirkt vor dem Hintergrund des Zitats von 2009 beliebig. Zumal man sich ohnehin fragt, welche Religionen – außer dem Judentum – das eigentlich gewesen sein sollen. Natürlich hat es schon früher Buddhisten und Muslime in Deutschland gegeben, aber deren Zahl war so gering, dass von „öffentlicher Präsenz“ ja wohl keine Rede sein kann.

Das war vielleicht auch besser für alle Beteiligten. Denn selbst die „öffentliche Präsenz“ anderer christlicher Konfessionen war im Kaiserreich ja lange problematisch. So reagierte beispielsweise die protestantische Landbevölkerung Niedersachsens auf die massenhafte Ankunft katholischer Arbeiter im 19. Jahrhundert mit fremdenfeindlichen Wallungen, die an erstaunlich an die heutige Furcht vor islamischen Einwanderern gemahnen. Und der Streit um Kirchenbauten für diese Neuankömmlinge erinnert an das aktuelle politische Gezerre um Minarette und Moscheen.

Möllers wird in der FR auch noch mit einer aberwitzig ahnungslosen Einlassung zum Kopftuchstreit zitiert: "Mit scharfen Worten griff er die in einigen Bundesländern verabschiedeten Schulgesetze an, die den Lehrern zwar das Kreuz erlauben, aber das Kopftuch verbieten. Das sei eine Umgehung der grundgesetzlichen Diskriminierungsverbote."

Für einen hochrangigen Juristen verwirrt er da in erstaunlicher Weise die Begriffe. Denn das Kopftuch ist kein religiöses Symbol sondern ein politisches Abzeichen. Wenn es ein religiöses Symbol wäre, wären die in Deutschland lebenden muslimischen Frauen wohl kaum lange Zeit weitgehend ohne Kopftücher ausgekommen. Kopftücher sah man noch in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren ausschließlich bei älteren Türkinnen, die aus ländlichen Gegenden eingewandert waren. Ihre massenhafte Verbreitung seit 15-20 Jahren ging einher mit dem Erstarken des politischen Islamismus. Wer ein Kopftuch trägt bekennt sich nicht zum Islam, sondern zum Islamismus.

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