Freitag, 2. Juli 2010

Eigentlich lieben wir doch Argentinien

Ich wundere mich, dass die WM-Begegnung gegen Argentinien jetzt von beiden Seiten zu einer Erzrivalität hochstilisiert wird – so als ob es gegen England, Holland oder Italien ginge. Dabei waren Argentinien und sein Fußball in Deutschland doch immer ausgesprochen populär. Nicht nur wegen Udo Jürgens' "Buenos Dias, Argentina".

Der kettenrauchende Erfolgstrainer von 1978, Carlos Menotti, war wohl der erste Fußball-Coach überhaupt, der auch von Suhrkamp-Lesern als intellektuelle Instanz akzeptiert wurde. Ich mochte aus der 78er-Weltmeisterschaft-Mannschaft vor allem den kleinen Osvaldo Ardiles. Was für ein menschliches Drama, als er für Tottenham Hotspur in der englischen Liga weiter spielte, obwohl Argentinien sich mit England im Krieg befand. Und im Falkland-Krieg war doch jeder antikolonialistisch gesinnte deutsche Linke für Argentinien und gegen Maggie Thatcher (obwohl der Krieg ja von einem faschistischen Regime entfesselt wurde). Deshalb waren wir dann im Halbfinale 1986 alle England-Fans, genossen erst die kalte Rache der Hand Gottes und bestaunten mit offenem Mund Maradonas Sololauf zum Jahrhunderttor. Und wer Maradona als Fußballer in seiner großen Zeit erlebt hat, kann ja gar nicht anti-argentinisch gesinnt sein. Diego war auf der ganzen Welt populär, aber ich bezweifelte, dass es außer Argentinien und Italien (wo er lange bei Neapel spielte) noch ein Land gibt, in dem Maradona so populär ist wie in Deutschland.

Auch kulturell sind sich die beiden Länder in mancherlei Hinsicht nahe. Beide haben z. B. eine reichhaltige Theaterkultur, argentinische Autoren und Regisseure arbeiten auf oft in Deutschland – und umgekehrt. Millionen Deutsche tanzen Tango und die Toten Hosen sind am Rio de la Plate so populär wie zu Hause. Es gibt also nichts, dass einen ähnlichen gepflegten Hass, wie ihn deutsche und holländische oder englische Fußballfans pflegen, begründen wurde.

Auch wenn die BILD-Zeitung sich in ihrer neuesten Ausgabe große Mühe gibt. Die Schlagzeile „Adios Diego, Dein Messi kriegt heute auf die Fressi“ ist einfach nur witzlos und zum Kotzen. Wahrscheinlich ist das der gescheiterte Versuch, die wirklich ganz lustige Überschrift „Heute gibt's was auf den Sacchi“ aus der EM 1996 zu wiederholen.

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