Sonntag, 20. Juni 2010

Das Geheimnis des St. Louis Blues

Als Bundespräsident Horst Köhler am Dienstag dieser Woche mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedet wurde, gab er der Nation ein Rätsel auf. Warum hat er sich ausgerechnet den „St. Louis Blues“ als letzten musikalischen Gruß gewünscht? Welche geheime Botschaft verbirgt sich in der Entscheidung für diesen Blues-Klassiker von W. C. Handy?

Die Nachrichtenagenturen und die meisten Zeitungen zitierten nur die erste Zeile der bekanntesten Version des Lieds: „I hate to see the evening sun go down“. Das erschien als ein sehr allgemeiner Hinweis auf den Seelenzustand des Altbundespräsidenten. Etwas präziser und greifbarer wirken auf mich die Verse:

„If I feel tomorrow lak ah feel today
I'll pack up my trunk,
and make ma git away.”
(Wenn ich mich heute so fühle wie morgen, packe ich meine Sachen und mache den Abgang.)

Ein Brief an die „Berliner Morgenpost“ hat jetzt die vermeintliche Lösung des Rätsels enthüllt. In einer Version des Liedes, so schreibt der Leser Otto Eigen heiße es: "Es gibt zwei Menschen auf dieser Welt, die kann ich einfach nicht ausstehen: Das ist eine Frau mit zwei Gesichtern und ein lügender Mann. Ich werde die Stadt (daher) verlassen.“ Ich fand das auch sehr einleuchtend – bis ich mir darauf hin zu Hause noch einmal die wohl berühmteste Version des „St. Louis Blues“ angehört habe. Sie stammt aus dem Jahre 1929 und wird gesungen von Bessie Smith, der Kaiserin des Blues. Ihre Begleitband sind die Five Pennies mit Louis Armstrong.

Hier eine etwas spätere Fassung aus dem gleichnamigen Film „St. Louis Blues“, dem einzigen, in dem Bessie Smith die Hauptrolle gespielt hat. In diesen beiden Versionen existiert die im Morgenpost-Leserbrief zitierte Passage leider gar nicht. Auch nicht in den zweit- und drittberühmtesten Versionen, die von Louis Armstrong und von Billie Holiday gesungen wurden. Es gibt sie nur in einer Fassung von Cab Calloway.
Dort heißt es tatsächlich:

There's two people in this world I just can't stand;
That's a two-faced woman and a lyin' man

Diese Version ist zwar nicht obskur, aber ob sie Horst Kühler wirklich bekannt ist, darf doch bezweifelt werden. Die vermeintliche geheime Botschaft des Liedes bleibt also geheim. Offensichtlich ist nur die bleibende Liebe des Präsidenten zur schwarzen Kultur. Der deutsche Politiker, der das innigste Verhältnis zu Afrika hatte, hat sich mit einem Lied des ersten weltberühmt gewordenen schwarzen Komponisten W. C. Handy verabschiedet.

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