Montag, 31. Mai 2010

"Wes" oder "welches" Geistes Kind?

Neulich fragte ein Kollege via Facebook: Heißt es eigentlich „wes Geistes Kind“, „welches Geistes Kind“ oder „wessen Geistes Kind“? Die Antwort kam prompt: „wes“. Aber warum eigentlich? Der übliche Verdächtige, Martin Luther, scheidet jedenfalls aus.

Zwar gibt es im Internet diverse Einträge, wo die Evangeliumsstelle Lukas 9, Vers 55, 56a so zitiert wird, dass Jesus den Jüngern (die ihn vorher gefragt haben, warum er nicht Feuer vom Himmel regnen lässt) entgegenschleudert: „Wisst ihr nicht, wes Geistes Kinder ihr seid?" Allerdings wird hier offenbar nicht nach der Luther-Übersetzung zitiert. Denn dort in der Original-Lutherbibel von 1545 (die letzte, die der Reformator noch selbst betreut hat) steht: „Wisset jr nicht/welches Geistes kinder jr seid?“ Und in meiner Luther-Bibel von 1907 lese ich auch „welches“. Die Verse existieren in neueren Übersetzungen (auch in der Zwingli-Bibel und der katholischen Einheitsübersetzung) sowieso nur noch als Fußnote, weil sie – ähnlich wie die letzten beiden Verse des Vaterunsers „Denn dein ist das Reich usw.“ - erst in späteren Überlieferungen eingefügt worden sind.

Im (historisch-wortgeschichtlichen) „Deutschen Wörterbuch“ von Hermann Paul (10. Auflage) steht: „Die alte Form des Genitiv [von wer] ist wes, noch allgemein in weshalb, weswegen. Dafür jetzt wessen.“ Das lässt mich vermuten, dass der Bibelspruch vielleicht von den Leuten früher so ausgesprochen wurde, wie sie es für richtig hielten und dass sich diese altmodische Form dann als Redensart überliefert hat.

Ein anderer Kollege behauptet allerdings steif und fest, in seiner Lutherbibel von 1912 stünde „wes Geistes Kind“. Anhand der  bei Zeno Org gescannten Bibel-Version von 1912 lässt sich das nicht bestätigen. Aber vielleicht hat es ja tatsächlich früher mehrere Varianten gegeben, bevor der Bibel-Text wirklich amtlich und einheitlich festgelegt wurde. Am Luther-Original ist ja früher von den Druckern viel herumgedoktert worden. Bestimmte Wörter, die in Süddeutschland als „sächsisch“ oder „norddeutsch“ angesehen worden, mussten zunächst noch mit Fußnoten erklärt werden. Vielleicht hat dann irgendwo ein Drucker sogar Wörter geändert und diese Variante hat sich lange erhalten. Weiß irgendjemand mehr?

Nachtrag vom 6. Juni 2011: Hier zitiert ein Wikipedia-Administrator noch weitere Bibelübersetzungen, in denen die Formulierung "wes Geistes Kind" nicht vorkommt. Man fragt sich allmählich, wie überhaupt jemand auf die Idee kommen konnte, sie stamme aus der Bibel.

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