Samstag, 10. April 2010

Das Grabtuch sieht aus wie Jesus - leider!

Darf man als Protestant eigentlich fasziniert sein von einer Reliquie wie dem Turiner Grabtuch?


Offenbar ja. Denn auch evangelisch.de hat sich ja mit einem informativen Artikel am neuerlichen Rummel um das Tuch beteiligt. Und ich selbst besitze ein 1978 in einem Verlag der evangelischen Kirche in der DDR erschienenes Buch, das den damaligen Stand der Kenntnisse über das Tuch ziemlich gut und sachlich zusammenfasst.

Das war allerdings noch bevor es die Radiocarbonmethode zur Feststellung des Alters eines Gegenstands gab. Ich hatte bis jetzt gedacht, dass die radiologischen Untersuchungen, die die Entstehung des Tuch auf 1300 datiert haben, einerseits den Streit darüber, ob es tatsächlich den echten Jesus zeigt, beendet haben und andererseits die Frage aufwerfen, welcher schier geniale Künstler diese Fälschung begangen haben sollte.

Vor ein paar Jahren sah ich mal eine Folge, der meist unsäglich flachpfeifigen „Wissenschaftssendung“ Galileo (Friede seinem Namen!), in der Leonardo da Vinci der Fälschung bezichtigt wurde. Er habe sich damit an der Kirche rächen wollen. Dabei ist die Existenz des Tuches in den historischen Quellen lange vor der Geburt Leonardos belegt.

Aus den Artikeln der letzten Tage erfahre ich, dass die Ergebnisse der Radiocarbonuntersuchungen mittlerweile wieder vermehrt in Zweifel gezogen werden. Eine Theorie besagt, dass um 1300 Flicken auf dem Tuch angebracht wurden, um Brandschäden auszugleichen. Eine andere weist darauf hin, dass diese Methode auch schon bei anderen Gegenständen versagt habe.

Der Ton, in dem gestritten wird, ist aber gelassener geworden. Einerseits sagt selbst der Erzbischof von Turin Severino Poletto, ob das Bildnis echt sei oder nicht, sei nicht so wichtig. Die Verehrung der Reliquie für sich genommen, sei ein Zeichen des lebendigen Glaubens. Die Menschen sollten dem Grabtuch ohne Vorurteile gegenübertreten. Andererseits gesteht die Gesellschaft für die Untersuchung parawissenschaftlicher Phänomene, auch Skeptiker könnten das Tuch bewundern - als Ausdruck menschlicher Kreativität und Schöpferkraft.


Die Haltung des Erzbischofs erinnert mich übrigens an den neuen Roman von Martin Walser, „Mein Jenseits“. Darin berichtet der Held, ein älterer Mediziner und Klinikchef, von seinem Vorfahr, der bis zur Säkularisierung ein Kloster am Bodensee geleitet habe. Danach habe er seine ganze Kraft einem Buch über die Reliquien der Gegend gewidmet. Der Mann glaubte nicht an ihre Echtheit im engeren Sinne und nahm an, dass die Menschen im Mittelalter ja auch nicht ganz blöd gewesen seien. Faszinierend an all diesem Plunder fand er, dass sie die Reliquien durch den intensiven Glauben der Menschen vergangener Zeiten eben doch „echt“ geworden sind. Credo quia absurdum.


Für mich gibt es übrigens ein ganz starkes Argument gegen die Authentizität des Grabtuch, das jenseits aller chemischen, radiologischen und biologischen Untersuchungen liegt: Der Mann auf dem Tuch sieht genauso aus, wie sich die Künstler seit dem Mittelalter immer Jesus vorstellen. Und ich bezweifle doch sehr, dass es über 2000 irgendeine Art von kontinuierlicher Erinnerung an das Aussehen des echten Jesus gegeben hat, die sich in diesen Bildern niederschlägt. Nein, Jesus ist einfach irgendwann einmal zu einem Bildklischee geworden. Dass der echte Jesus ausgesehen hat wie eine Ikone ist doch mehr als unwahrscheinlich. Man muss gar nicht soweit gehen wie die BBC, die vor einigen Jahren einmal ein provozierend plumpes Jesus-Bild veröffentlichte, das sich an den historischen und medizinischen Realitäten im Palästina des 1. Jahrhunderts orientierte.

Es tut mir leid. Aber damit verhält es sich wie mit dem „Testimonium Flavianum“ in den „Jüdischen Altertümern“ des Flavius Josephus, das immer als eine außerchristliche Quelle für die Existenz Jesus angesehen wird. Gerade weil er dort so ungemein positiv beschrieben wird, ist diese Textstelle vermutlich gefälscht. Und gerade weil der Mann auf dem Grabtuch von Turin unserem Jesus so gleicht, ist er es mit Sicherheit nicht.

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