Freitag, 12. Februar 2010

Moloch auf der Berlinale

Die wahre Star des heutigen Berlinale-Tages war Moloch. Er spielt sowohl in „Howl“ als auch in „Metropolis“ mit.

Moloch hieß bekanntlich laut Bibel eine phönizische Gottheit, der Kinder geopfert wurden. Die jüdisch-christliche Überlieferung stellte sich den Kult so vor, dass die Kinder in riesige durch Feuer zum Glühen gebrachte Statuen geworfen wurden.

Am Beginn von Fritz Langs Film „Metropolis“, der heute abend im Berliner Friedrichstadtpalast zum ersten Mal in der endlich wieder fast vollständigen Fassung gezeigt wurde, gibt es eine Szene, in der das verwöhnte Oberschichtsöhnchen Freder Fredersen (das Wort  Oberschicht ist hier ganz wörtlich-räumlich zu nehmen) mit ansieht, wie Dutzende Arbeiter in den heißen Dämpfen einer explodierenden Maschine zu  Grunde gehen. Freder hat eine Vision, in der sich die Maschine in eine Moloch-Statue verwandelt, in die kettentragender Menschen unter Aufsicht maskierter Priester hineingetrieben werden. Auf der Leinwand erscheint das Wort „Moloch“. Gerade eben war das auch in der „Metropolis“-Live-Übertragung mit Orchesterbegleitung bei arte zu sehen.

In dem amerikanischen Film „Howl“, der heute im Berlinale-Wettbewerbsprogram gezeigt wurde, geht es um die Entstehung von Allen Ginsbergs Langgedicht "Howl". Diese Schlüsselwerk der Beatnik-Literatur hat auch die Popkultur mitgeprägt. Bob Dylans Texte wären ohne Ginsbergs Einfluss gewiss anders gewesen.  Das Gedicht „Howl“ beginnt mit den Versen:

I saw the best minds of my generation destroyed by
madness, starving hysterical naked,
dragging themselves through the negro streets at dawn
looking for an angry fix

Nach einer langen poetischen Schilderung der Zustände im Amerika des Entstehungsjahres 1955,  wie der junge  Ginsberg sie imaginiert, folgt eine Anrufung von „Moloch“ als Inbegriff aller Entartungen der modernen Zivilisation. Wenn sie nicht direkt von Fritz Langs Film inspiriert ist (die Moloch-Szene war auch in den gekürzten Fassungen immer vorhanden), so bewegt sie sich doch in sehr ähnlichen Bahnen der Fantasie, vor allem die folgenden Verse:

Moloch whose breast is a cannibal dynamo!
Moloch whose ear is a smoking tomb!
Moloch whose eyes are a thousand blind windows!
Moloch whose skyscrapers stand in the long
streets like endless Jehovahs! Moloch whose factories
dream and croak in the fog! Moloch whose
smokestacks and antennae crown the cities!
Moloch whose love is endless oil and stone! Moloch
whose soul is electricity and banks!



Schon in Georg Heyms “Der Gott der Stadt“ war der Schrecken der modernen Zivilisation mit ähnlichen Bilder beschrieben worden. Allerdings wurde er hier nicht mit Moloch identifiziert, sondern mit Baal, dem anderen phönizischen Gott, der im Alten Testament noch häufiger als Moloch als Inbegriffs der Abscheus vor fremden religiösen Praktiken und der Götzenanbeterei erscheint.

Georg Heym, Fritz Lang und seine Drehbuchautorin Thea von Harbou ebenso wie Ginsberg stehen alle für jene Generationen Anfang des vorigen Jahrhunderts, bei der sich die Angst vor der neuen Zeit noch in den Metaphern einer religiösen Sprache artikulierte, die sie in ihrer Kindheit gelernt hatten. Es gibt in Metropolis ja beispielsweise auch noch eine Szene, in der Maria die Errichtung der Stadt Metropolis mit dem Turmbau zu Babel vergleicht.

Diese 3000 Jahre alten Bildern des Moloch ließen sich auch deshalb so leicht auf die Moderne übertragen, weil das 20. Jahrhundert aus Feuer, Metall und Dampf gemacht war - so wie der Moloch. Das Verschwinden der Schwerindustrie hat dieser Symbolik dann auch den Garaus gemacht. Oder taucht in der neueren Dichtung und Popkultur noch irgendwo der Moloch auf?

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