Sonntag, 31. Januar 2010

Papst Benedikt und Stefan George

Ich bin  erst vor kurzem durch einen Artikel meines Kollegen Gernot Facius daran erinnert worden, dass Papst Benedikt in seiner Regensburger Vorlesung 2006 die These vertrat, der Protestantismus sei der erste Teil einer Enthellenisierung des Christentums gewesen und habe damit die ursprüngliche fruchtbare Synthese zwischen dem Geist der griechischen Philosophie und dem Christentum aufgehoben.

Facius zitiert in dem genannten Artikel den katholischen Theologen und Leiter des Melanchthon-Hauses in Bretten, Günter Frank, der meint Benedikts Urteil sei nicht nachzuvollziehen. Denn schließlich war Melanchthon, dieser zweite Gründer des deutschen Protestantismus neben  Luther, dessen Jubiläumsjahr wir 2010 begehen, der Schöpfer der höheren Lateinschulen (Vorläufer der heutigen Gymnasium) in denen auch Griechisch gelehrt wurde. Er war ein Humanist, bevor die heutigen organisiertenn „Humanisten“ mit dem Wort das machten, was der Darm eines Hundes mit einem Stück Fleisch macht. Er war entscheidend mit dafür verantwortlich, dass die britische Germanistin Eliza M. Butler in ihrer Epoche machenden Studie „The Tyranny of Greece over Germany“ aus dem Jahre 1935 feststellen konnte, die alten Griechen hätten gewissermaßen 200 Jahre ihre Herrschaft über Deutschland ausgeübt.  Das Buch ist übrigens - glaube ich - niemals ins Deutsche übersetzt worden, obwohl es eines der wichtigsten bis heute anregenden Werke zur deutschen Geistesgeschichte ist. 

Die Griechenanbeter, die Butler zitiert, sind fast alle Protestanten: Von  Winckelman über Goethe, Schiller, Kleist und Hölderlin, bis hin zu Heine und Nietzsche. Johann Gustav Droysen, der Erfinder des Begriffs Hellenismus, war, wie so viele deutsche Geisteshelden, Sohn eines protestantischen Pfarrers. Und über Winckelmann kann man sogar im einschlägigen Wikipedia-Artikel nachlesen, dass er eine der von Melanchthon erfunden Lateinschulen besuchte und später eine andere leitete. Der päpstliche Nuntius in Sachsen bot ihm an, Bibliothekar in Rom zu werden. Allerdings müsse er dafür zum Katholizismus konvertieren. Der Vertreter des Vatikan anerkannte also, dass das Know-How dieses Protestanten über die Griechen weitaus größer war, als das seiner Glaubensgenossen.

Soviel zur Benediks Unfug über eine durch den Protestantismus abgerissene Verbindung zum Hellenismus und zum Griechentum.

Interessant ist allerdings, woher diese These stammt - nämlich von Stefan George. Der Dichter äußerte einmal im Gespräch mit Ernst  Robert Curtius, der Katholizismus habe deshalb eine solche Kraft, weil sich in ihm die antiken Mysterien zumindest in Restbeständen erhalten hätten (E. R. Curtius, Stefan George im Gespräch. In: Kritische Essays zur europäischen Literatur, 2. Aufl., Bern 1954, S. 114). Den Hinweis darauf verdanke ich Thomas Karlaufs großer George-Biographie.

Bezeichnenderweise zog George an der griechisch-hellenistischen Tradition vor allem das dionysische und weniger des appolinische Element an. Karlauf schreibt dazu auf Seite 309 seines Buches: „George dachte dabei vor allem an das Brauchtum seiner engeren Heimat. In  keinem anderen Landstrich sei das antik-heidnische Erbe so lebendig wie in Rheinhessen, schwärmte er.  Etwas Dionysischeres als die Winzerumzüge von Bingen habe es im Deutschland seiner Kindheit nicht gegeben.“

Eine Seite vorher zitiert Karlauf Georges Gedicht über den 90 Jahre alten Papst Leo XIII., der nachts Hymnen auf Maria schreibt. Das 1907 in „Der Siebte Ring“ veröffentlichte Poem endet mit den Versen:

Wenn angetan mit allen würdezeichen
Getragen mit dem baldachin - ein vorbild
Erhabnen prunks und göttlicher verwaltung -
ER eingehüllt von weihrauch und von lichtern
Dem ganzen erdball seinen segen spendet:
So sinken wir als gläubige zu boden
Verschmolzen mit der tausendköpfigen menge
Die schön wird wenn das wunder sie ergreift.


DAS liest sich doch wie die dichterische Zusammenfassung aller Vorstellungen, die Benedikt vom Papststum hegt. Benedikt ist in einem Alter, in dem George-Lektüre noch viel verbreiteter war als heute. Erst recht im katholisch-konservativen Milieu. Allerdings hat er selbst als wichtigste geistige Einflüsse immer Gertrud von le Fort, Ernst Wiechert, Fjodor Dostojewski, Elisabeth Langgässer, Theodor Steinbüchel, Martin Heidegger und Karl Jaspers genannt.

In den mir zugänglichen deutschen Benedikt-Literatur habe ich keinen Hinweis auf eine Beeinflussung Benedikts durch George gefunden. Allerdings eint die deutschen Papst-Biographen vom unkritischen Boulevardier Peter Seewald bis zu einem überkritischen Paranoiker wie Alan Posener wohl die Tatsache, dass sie alle nichts von Stefan George wissen. Auch ich bin ja nur durch Zufall auf diese merkwürdigen Gemeinsamkeiten gestoßen. Dabei müsste doch gerade meinem Kollegen Alan Posener, der Benedikt als eine Art Klerikalfaschisten entlarven möchte, der Hinweis auf einen rechten und elitären Denker wie Stefan George sehr gelegen kommen.

Doch auch die halbwissenschaftlich anspruchsvolleren Bücher wie „Benedikts Faith“ von Tracey Rowland  oder „The Thought of Benedikt XVI“ von Aldan Nicols verzeichnen Stefan George nicht in ihrem Personenregister. 

Vielleicht ist ja alles nur Zufall. Ich bin für Hinweise dankbar.

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