Montag, 7. Dezember 2009

Unter den letzten Dinosauriern

Seit heute weiß ich ganz sicher, dass die Zeitungen das frühe 21. Jahrhundert nicht überleben werden. Und schuld daran wird nicht das Internet sein. Sondern Weltfremdheit.

Ich arbeite in einer überregionalen Tageszeitung. Dort spielte sich am Nachmittag folgende Diskussion ab. Unser Opernkritiker sagte gar nicht aggressiv, sondern mehr erstaunt: „Ich kenne niemanden, der Computerspiele spielt.“ Ich antwortete ebenso entspannt: „Ich kenne niemanden, der in die Oper geht.“ Das wollte keiner meiner Kollegen glauben. Es wurden Gegenbeispiele angeführt - aber ausschließlich befreundete Journalisten, professionelle Kulturberichterstatter wie wir. Ich legte nach: „Die normalen Menschen in meinem Bekanntenkreis gehen, wenn überhaupt, sogar noch eher ins Theater oder zum modernen Tanz. Einmal im Jahr vielleicht. Aber wirklich niemand geht jemals in die Oper.“ Das glaubte erst recht keiner.Nach ein paar Minuten ging die Runde auseinander, belustigt über den Kauz, der diese wirklich seltsamen Dinge behauptet hatte. Wahrscheinlich grübeln sie jetzt noch darüber nach, was für seltsame Freunde ich habe.

Dabei ist mein Bekanntenkreis absolut repräsentativ: Menschen unter 50, die mit Popmusik sozialisiert sind. Früher sind sie viel ins Kino gegangen, jetzt nicht mehr so viel, zum Teil, weil sie Kinder haben, zum Teil, weil das Publikum sie immer mehr nervt und weil es nun ja DVDs gibt. Sie kennen englischsprachige Fernsehserien oft, lange bevor sie je in Deutschland ausgestrahlt oder kopiert werden. Sie haben keine Angst vor dem Internet. Und sie lesen häufiger Bücher von lebenden Autoren als von Toten.

Diese Menschen gehen ins Theater oder zum modernen Tanz, weil sie dort eher das Gefühl haben, die Veranstaltungen hätten irgend etwas mit ihrem Leben und ihren Interessen zu tun. Nicht oft. Aber wenigstens hin und wieder. Wenn sie ins Theater gehen, dann selten in Klassiker. Sie folgen hier genauso den Trends und Hypes, wie sie es beim Kino, bei der Musik oder bei ihren Clubbesuchen tun. Hier in Berlin sind sie in den Neunzigerjahren in die Volksbühne gegangen, dann zu Thomas Ostermeier in die Baracke, später zu René Pollesch, heute vielleicht zu Rimini Protokoll. Neugierig werden sie auch, wenn irgendwo ein Autor gespielt wird, den sie kennen. Der Bekannte (übrigens ein gelegentlicher Computerspieler), der sich neulich bei mir nach der Dramatisierung des Dietmar-Dath-Romans „Die Abschaffung der Arten“ im Deutschen Theater erkundigt, ist typisch für sie.

Oft gehen sie auch, weil prominente Schauspieler oder Szenefiguren mitspielen. Der Auftritt von Kurt Krömer in der eher mittelmäßigen Inszenierung „Room Service“ in der Berlin Schaubühne hat unzählige völlig theaterabstinenten Menschen dorthin gelockt, teilweise deshalb, weil ihrer noch viel theaterferneren Kinder, sie dorthin geschleift hatten.

Zugegeben, ich kenne doch auch ein paar Leute, die in die Oper gehen. Aber die sind wirklich ALLE schwul. Und ja, ich kenne auch ein paar Leute, die Computerspiele spielen, obwohl ich das Gefühl habe, dass die Altershöchstgrenze da bei 35 liegt und die meisten meiner Bekannten älter sind.

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