Sonntag, 13. Dezember 2009

Klimawandel-Appeasement

Rund um den Klimagipfel in Kopenhagen war in den Medien wieder das seltsame Phänomen zu beobachten: Klimawandel-Appeasement. Die Appeaser nennen sich selbst Klimaskeptiker. Dieser neue Berufszweig hat innerhalb weniger Jahre einen starken Aufschwung genommen, ähnlich wie der Beruf des Islamkritikers.

Die politischen Journalisten, die ich „Klimawandel-Appeaser“ nenne, neigen paradoxerweise in militärischen Fragen überhaupt nicht zum Appeasement. Fast alle von ihnen haben den Irak-Krieg wegen drohender  Gefahr im Verzug gerechtfertigt. Sie glaubten trotz dünnen Beweislage fest an Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen. Genauso gehen sie jetzt ganz selbstverständlich davon aus, dass der Iran nach der Atombombe strebt und sie auch einsetzen möchte. Sie drängen auf ein militärisches Vorgehen gegen dieses Land.

Ganz anders beim Klimawandel. Hier betrachtet der Appeaser die in der Tat widersprüchlichen Fakten grundsätzlich durch die rosarote Brille.  Er sucht ausschließlich nach Hinweisen, dass es 1. den Klimawandel gar nicht gibt, dass er 2. nicht von Menschen gemacht wird und 3. nicht bedrohlich ist. Er verspottet jeden, der das Gegenteil behauptet als Angsthasen, Apokalyptiker oder unterstellt ihm, vor allem an staatlichen Forschungsmitteln oder Fördergeld für alternative Energien interessiert zu sein. Schlimmstenfalls wittert er eine drohende Klima-Diktatur, die mit dem Gespenst des Weltuntergangs freiheitseinschränkende Maßnahmen rechtfertigt.

Die Klimawandel-Appeaser sind Verschwörungstheoretiker. Wie die Holocaust-Skeptiker, Ufo-Kritiker und Schwarze-Hubschrauber-Experten - finden ihre Suchmaschinen ständig irgendwo Belege für eine gigantische Konspiration zur Wirklichkeitsverfälschung. Dahinter stehen immer die üblichen Verdächtigen - die Uno, „die“ Regierung und die 68er

Und wie das Verschwörungstheoretiker-Prekariat an den Stammtischen und im Internet beklagen sie sich ständig darüber, dass man ja nicht sagen dürfe, was gesagt werden müsse - dabei sind die meisten von ihnen Kolumnisten in Mainstreammedien, denen man die Wohlgenährtheit noch in ihren geschönten Autorenbildern ansieht. Sie lassen sich ihr angebliches Dissidententum gut bezahlen - z. T. direkt von Industriekonzernen, die ein Interesse daran haben, den Klimawandel von solchen Pseudo-Experten kleinreden zu lassen. Dazu gibt es einen lesenswerten Artikel bei Heise Online.

Lorenz Jäger hat kürzlich in der FAZ darauf hingewiesen, dass viele Klimawandel-Appeaser früher Trotzkisten waren. Richtig ist, dass sie oft als Hardcore-Linke gelernt haben, unerwünschte Fakten auszublenden.

Heute sind sie allerdings konservativ, obwohl sie sich selber wohl eher als fortschrittsfrohe Optimisten bezeichnen würden. Einst haben sie Gewaltmenschen wie Trotzki, Lenin oder Mao vergöttert, jetzt heißt ihr Idol - jedenfalls bis vor kurzem - Georg W. Bush. Bush ist ganz bestimmt kein Stalin, aber auch er verkörpert in ihren Augen doch die Stärke und Tatkraft, die solche Schreibtischhengste bei Führern anbeten.

Bush und seine intellektuellen Apologeten, wie beispielsweise Robert Kagan, dessen Vater Donald ein Grundlagenwerk über den pelopponesischen Krieg geschrieben hat, kennen ganz bestimmt die römische Devise „Si vis pacem para bellum.“. Übersetzt wird das meist mit: „Wenn Du den Frieden willst, bereite den Krieg vor.“ Die Römer, dieses realistische und nüchterne Volk, verließen sich lieber nicht darauf, dass seine Feinde grundsätzlich friedlich oder nicht gerüstet für eine Aggression seien. Sondern sie wappneten sich für den schlimmsten Fall. In friedlicheren Zeiten lässt sich die römische Devise auch etwas weniger wortwörtlich auslegen mit: Verlass Dich lieber nicht darauf, dass es nicht so schlimm kommen wird, sondern sei auf die größtmögliche Katastrophe vorbereitet.

Nach dieser Devise handeln wir übrigens im Alltag ständig. Etwa wenn Sicherheitsbestimmungen für Atomkraftwerke oder Brandschutzregeln aufgestellt werden. Und wie beschrieben ist sie auch heute noch die Leitlinie einer konservativen Politik, die sich selbst „realistisch“ und ihre politischen Gegner „blauäugig“ nennt: Wenn Du den Frieden willst, bereite den Krieg gegen Ahmadinedschads Irak vor.

Nur beim Klimawandel gilt das alte Motto nicht. Die militärischen Falken sind in ökologischen Dingen windelweiche Appeaser.  Dabei sollten wir doch, solange es nur den geringsten Hinweis auf die Existenz eines gefährlichen Klimawandels gibt, vernünftigerweise wie die Römer handeln - und uns auf den Ernstfall vorbereiten, statt uns allzu spät von ihm überraschen zu lassen. Es kostet uns ja nichts. Nur ein bisschen weniger fossile Brennstoffe, ein bisschen mehr Atomkraft, ein bisschen weniger Raubbau an der Natur - im wesentlichen also bloß eine Änderung unserer Gewohnheiten und Geld, aber keine Menschenleben und kein Blut.

Die Appeaser, der ganz alten Schule, also diejenigen Menschen, für die das Schimpfwort „Appeasement“ in den Dreißigerjahren erfunden wurde, bildeten sich ein, sie könnten Hitler ruhig stellen, indem sie seine Wünsche erfüllen und seine Kriegsvorbereitungen ignorieren. Diese Haltung gilt heute als Tiefpunkt in der Geschichte demokratischer Regierungen. Doch verglichen mit dem Klimawandel-Appeasement hatte sie sogar einen vernünftigen Kern. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass sich Hitler durch Appeasement besänftigen ließe, war zwar klein, aber nach den Erfahrungen der klassischen Politik mochte man dran glauben - man wusste ja noch nicht, dass man es mit einen Schurken ganz neuen Typs zu tun hatte. Dagegen ist völlig ausgeschlossen, dass Appeasement auch nur den geringsten Eindruck auf den Klimawandel macht.

 

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