Samstag, 5. Dezember 2009

Das Sonntagsminarettverbot empört die Church of Shopping

Meine nichtgläubigen Bekannten haben auf das Urteil zum Sonntagseinkauf so ähnlich reagiert wie die Muslime auf das Schweizer Minarettverbot. Sie sind erschrocken über die totgeglaubten gesellschaftlichen Kräfte, die dort am Werke waren. Und sie fühlen sich in ihrer Religionsfreiheit eingeschränkt.

Natürlich würden sie das nie so sagen, aber für sie ist Einkaufen längst eine  Religion geworden. Die Shopping-Center sind ihre Kirchen, in die sie gehen, um dort ihren Kultus auszuüben und sich Ablass vom Konsumzwang zu kaufen, den sie verinnerlicht haben wie der altmodische Christ sein Sündenbewusstsein. Wenn sie diese Rituale vollzogen haben, fühlen sie sich erst Mal wieder eine Weile unbeschwert wie ein Katholik nach der Beichte. Sie sind in ihrer Religion weitaus frommer als wir in der unseren, denn sie wollen sie sieben Tage in der Woche ausüben können, nicht nur am Sonntag. Dieses Quasi-Religiöse parodiert der amerikanische Künstler, Satiriker und selbstgeweihte Priester, der sich Reverend Billy nennt, schon seit Jahren mit seiner Church of Shopping (neuerdings Church of Life After Shopping, Video unten).

Aber wieso nur „quasi-religiös“? Worin unterscheidet sich dieser Kultus eigentlich von einer echten Religion? Die Schwierigkeit, Religionen zu definieren zeigt sich ja auch beispielsweise im Umgang mit der Scientology-„Kirche“. Die Scientologen (so widerlich sie sind) haben in einem Recht: Es kann ja nicht angehen, dass sich nur Institutionen und Weltanschauungen „Religion“ nennen dürfen, die schon seit Jahrhunderten existieren und/oder sich auf die Offenbarungen etablierter Figuren wie Jesus, Mohammed oder Buddha beziehen. Es muss religiöse Wettbewerbsfreiheit geben.

Ich versuche mal eine Definition: Eine echte Religion hat einen Jenseitsbezug, sie vertritt den Glauben an ein irgendein Fortleben der Seele nach dem Tode. Und eine echte Religion stellt moralische Maximen auf, an die sich ihre Anhänger halten sollen. Die Shopping-Religion erfüllt allenfalls das zweite Kriterium, weil man den Konsumzwang nach einer großzügigen Definition von „Moral“ durchaus als moralisches Gebot betrachten kann. Denn wenn die Wirtschaftsweisen und Politiker klagen, die fehlende Binnennachfrage sei daran schuld sei, dass wir nicht von der Krise erlöst werden, erinnern sie mich immer an Priester, die behaupten, die Wiederkehr Christi und die Errichtung des Gottesreichs verzögere sich nur deshalb, weil wir nicht genug beten.

Trotz oder gerade wegen dieser Unvollständigkeit hat die Church of Shopping einen totalitären Zug, der so typisch ist für eine junge, primitive Religion mit unausgereifter Theologie. In den letzten Tagen hörte und lass man immer wieder das herrische Argument, die Kirchen sollten sich gefälligst nicht in politische und gesellschaftliche Bereiche einmischen - wie sie es mit ihrer Klage gegen die Sonntagseinkäufe getan haben. Es ist der schlechte alte Anspruch einer Mehrheitskirche, die verlangt, dass die geduldeten Minderheitsreligionen gefälligst nicht in der Öffentlichkeit auftreten sollen.

Dieser Schwachsinn wird nicht annehmbarer dadurch, dass man ihn sogar in Intelligenzblättern wie dem „Tagesspiegel“ liest. Warum sollten ausgerechnet Christen schweigen in einer Gesellschaft, in der jeder jeden noch so unbegründeten Privatwahnsinn als Meinung öffentlich äußern darf? Das Recht, vor dem Verfassungsgericht gegen politische Entscheidungen zu klagen, ist in den letzten Jahrzehnten von einer buntscheckigen Vielfalt an Institutionen,  Privatpersonen und Parteien wahrgenommen worden. Warum hätten ausgerechnet die Kirchen auf die Ausübung dieses Rechtes verzichten sollen? Man darf daran erinnern, dass die Kirchen immer noch mehr Mitglieder haben als sämtliche Parteien.

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