Donnerstag, 31. Dezember 2009

Angst vor der Stille

Mein Freund Christoph Schlingensief schrieb mir heute morgen aus dem finnischen Turku, dem Geburtsort seiner Frau, wo dichter Schnee liegt und gestern abend 14 Grad minus herrschten:  „Nachts ist es so ruhig, dass ich manchmal geraeusche im körper höre, die ich voellig vergessen habe. Kleine erdbeben und vulkanausbrüche. Gurgeln und quietschgeräusche.“

Ich kann seine Freude nachvollziehen. Für mich ist das schönste Geschenk in der Zeit um Weihnachten und Neujahr die kostbare Stille in der sonst so lauten Stadt. Schon am Montag vor Weihnachten wachte ich morgens auf, und es war so still, wie sonst nicht einmal am Sonntag. Die Hausbewohner waren offenbar schon alle in ihre Heimat nach Frankreich, Italien, Dänemark oder Sachsen zurückgefahren - aus Schwaben kommt hier, entgegen den Klischees, die man sich von Prenzlauer Berg macht, keiner.

Die Stille hat diesmal länger angehalten, weil die Feiertage so verteilt waren, dass die Nachbarn länger wegblieben - vor allem diejenigen, die eine weite Reise ins Ausland angetreten haben. Sogar der übliche  Handgranatenkrieg zwischen wetteifernden Berliner Prollclans hat diesmal nicht schon sofort am 29. mit dem Beginn des Böllerverkaufs angefangen. Und dann der Schnee, der alles dämpft, und der diesmal auch länger liegen geblieben ist, weil nicht so viele Leute ihn zertrampeln.

Nun neigt sich das Wunder seinem Ende zu. Die Stadt ist voll mit Besuchern aus Italien und der ostdeutschen Provinz - möglicherweise entfernte Verwandte meiner Nachbarn, die immer noch nicht aus dem Weihnachtsurlaub zurück sind.

Wahrscheinlich sind meisten Menschen erleichtert über die Rückkehr des Krachs. Viele haben ja eher Angst, vor dem, was sie in sich hören könnten, wenn es mal wirklich still ist. Vor allem davor, dass es das Geräusch des Nichts sein könnte. In den letzten Jahrzehnte ist die Stille überall auf der Welt in Reservate zurückgedrängt worden wie ein gefährliches Tier. Man besucht sie dort manchmal, so wie man zu den Braunbären und Wölfen im Zoo geht. Aber im Alltag hält man sie nicht aus.

Vielleicht hat die finnische Winterstille auch den Amokläufer in den Wahnsinn getrieben. Kurz nachdem ich Christophs Post gelesen hatte, kamen die ersten Nachrichten von der Schießerei in einem Einkaufszentrum bei Helsinki. Ein Blick ins Internet beruhigte mich, dass Turku und Helsinki etwa 270 Kilometer auseinander liegen. Aber sechs Menschen sind tot und ich werde heute noch mehr als sonst zusammenzucken, wenn irgendwo ganz nahe bei mir etwas explodiert.

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