Samstag, 7. November 2009

Oh, wie schön ist Tangermünde

Ich bin kurz in Stendal und Tangermünde gewesen. Beide Städte haben mich positiv überrascht. Im Gegensatz zu vielen kleinen Landstädten im Osten gibt es in der Innenstadt weder große Brachen noch finstere Bausünden aus DDR-Zeiten. Die historischen Stadtkerne aus preußischer und hansischer Zeit sind noch vorhanden und mittlerweile größtenteils wieder hergerichtet. Dennoch leidet vor allem Stendal unter Bevölkerungsschwund, man sieht deshalb auch immer wieder leer stehende Häuser mit sperrholzverrammelten Fenstern. Wer Geld und Arbeit hat, kann in beiden Städten gewiss gut leben - aber allzu viel sind das vermutlich nicht. Die Berufspendler fahren bis nach Wolfsburg ins VW-Werk und weiter.

Dabei ist Tangermünde wirklich sensationell. Die Lage auf einen von den Eiszeitgletschern angehäuften Höhenzug direkt an der Elbe verstärkt den Reiz noch.  Wir waren im uns Berlinern spottbillig erscheinenden Schlosshotel mit Elbblick (allerdings nicht alle Zimmer), das seinen Namen trägt, weil dort tatsächlich die Zweitresidenz des Kaiser Karl IV. war (neben Prag). Ich wusste bis vor kurzem nichts davon bzw. hatte es vergessen, denn ich hatte zwar vor langer Zeit mal die Karl-Biographie von Ferdinand Seibt gelesen. Aber damals war mir Tangermünde nur Schall und Rauch.

Das Schloss ist allerdings 1640 von den Schweden zerstört worden. Trotzdem gut, dass sie da waren...

Um 1700 wurde dann vom ersten König „in Preußen“ Friedrich I. das jetzige Barockhaus errichtet. Es steht allerdings noch die Kanzlei Karls, die auch als Tanzsaal genutzt wurde. Die übrigen historischen Gebäude Wehrtürme, Stadttore usw. Tangermündes aufzuzählen und einer Einzelkritik zu unterziehen würde den Rahme eins Blogeintrags sprengen - es gibt gottlob Bücher darüber. Noch mal: Schönheit und Charme dieser kleinen Stadt sind unfassbar und weder zu DDR-Zeiten noch nach der Wende verhunzt worden.

So richtig traurig ist nur, wie immer in solchen Orten, der Bahnhof. Einst ein Zentrum des städtischen Lebens, der geschätzt mindestens zehn Menschen Arbeit und Stolz gab, mittlerweile ausgestorben, allmählich verwahrlosend, obwohl vor noch nicht allzu langer Zeit noch renoviert.

Ausgerechnet dort kam es dann auch zu einer klischeehaften Begegnung mit der sachsen-anhaltinischen Unterschicht in Gestalt eines fetten besoffenen Typen mit Metal-T-Shirt und Tarnhose, der meinen mitreisenden Kumpel als „Judenfresse“ anprollte (keine Ahnung, warum nicht mich). Nachdem ich ziemlich pampig zurückpöbelt hatte, verzog er sich. Offenbar hatte ihm sein Gehirnrest eine Warnung eingeflüstert - er war einen Kopf kleiner als ich und so voll, dass er eine Minute brauchte, um eine heruntergefallene Zigarette aufzuheben.

Der Rest von Tangermünde war aber so nett, dass ich plane mit Frau, Kind und Schwiegereltern noch einmal wieder zu kommen.

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