Mittwoch, 14. Oktober 2009

Wiedersehen mit Jimmy Hartwig

Morgen fahre ich nach Leipzig, um mir eine Premiere anzusehen, bei der der ziemlich bekannte Schauspieler Thomas Thieme (u. a. war er der fiese Minister in "Das Leben der Anderen") Regie führt. Er will irgendwie versuchen, Georg Büchners "Woyzeck", dessen reales Vorbild ja in Leipzig wegen Mordes hingerichtet wurde, mit den Montagsdemonstrationen von 1989 zusammenzubringen. Beides läuft unter dem Thema "Der Mensch in der Revolte" oder so... Klingt jedenfalls, als könnte es ganz schrecklich werden.

Interessant ist, dass der Ex-Fußballprofi Jimmy Hartwig mitspielt. Der war einer der ersten Bundesligaprofis mit dunklerer Hautfarbe (der Vater war GI) und hatte seine große Zeit beim HSV. Um 1980 herum waren die ja Serienmeister, man glaubt es kaum. Später ist er nach einer kurzen Trainerkarriere (laut meinem Kollegen Friedrich Pohl brachte er Leipzig auf Platz eins der letzten DDR-Oberligasaison, wurde dann wegen alkoholbedingter Unzurechnungsfähigkeit entlassen) ziemlich abgestürzt.

Einmal in meinem Leben habe ich Jimmy Hartwig gegenüber gestanden. Es war ca. 1978. Ich verbrachte mit Frank Grobe einen Campingurlaub auf Sylt (eigentlich wollten wir nach Südfrankreich trampen, aber als es regnete, sind wir lieber mit der Bahn nach Sylt gefahren). Da hatte der HSV ein Testspiel. Wir Braunschweiger hassten den HSV, der damals u. a. vom NDR immer bevorzugt wurde, obwohl die Siebziger auch für Eintracht eine große Zeit waren. Nach dem Schlusspfiff rannten wir aufs Spielfeld, in der vagen Absicht, irgendwie Ärger zu machen. Doch es waren auch HSV-Fans mitgekommen, und die galten in jener Epoche - neben den Hertha-Fröschen - als die härtesten Hools (das Wort gab es noch nicht). Dass sie plötzlich vom anderen Ende des Platzes auf uns zurannten, machte mir aber weniger Angst als der wütende, durchbohrende Blick, mit dem Jimmy Hartwig uns bedachte.  Wie alle Profisportler hatte er eine beeindruckende körperliche Präsenz. Der Mann strahlte wirklich Gefahr aus. Frank, ich und die anderen Campingplatzteenager von Dikjen Deel (das offizielle Zeltlager der Stadt Braunschweig) verzogen uns ganz schnell wieder.

Bin gespannt, ob er noch immer so finster gucken kann. Der "Woyzeck"-Aufführung würde das gewiss nur gut tun.

PS (16. Oktober 2009): Wer wissen will, wie Jimmy Hartwig als Woyzeck war, kann es hier nachlesen

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