Donnerstag, 29. Oktober 2009

Gehen wir Prolos beleidigen...

Merkwürdig: Vor zwei Woche beleidigte Berlins Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin gebärfreudige „Kopftuchmädchen“ und muslimische Gemüsehändler – und ein Sturm der medialen Entrüstung brach los. Nun zetert der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky gegen die deutsche Unterschicht, die das neue Betreuungsgeld sowieso nur „versaufen“ würde – und alles schweigt oder nickt gar einverständig. Sogar in einem linksliberalen Blatt wie der „Berliner Zeitung“ wird Buschkowsky vom Feuilleton-Chef Harald Jähner als Typ mit dem „Herz auf dem rechten Fleck“ gelobt.

Es scheint so, als wäre der deutsche Unterschichtler der letzte, an dem man noch ungestraft von den Wachhunden der politischen Korrektheit sein rhetorisches und humoristisches Mütchen kühlen kann. Vor einiger Zeit hat der London-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ ein ähnliches Phänomen für England beschrieben: Während dort längst die Rücksicht auf ethnische, sexuelle und religiöse Gruppen aller Art zum Fetisch einer Übelnehmer-Demokratie geworden ist, macht sich bedenkenlos jeder über die Mitglieder der Unterschicht lustig, die als „Chavs“ auf einschlägigen Witzseiten im Internet verhöhnt werden oder als stehende Figuren im Comedy-Genre herhalten müssen. Das hierzulande bekannteste Beispiel ist das (von dem Schauspieler Matt Lucas gespielte) jogginganzugtragende, dauerschwangere Mädchen Vicky aus der Serie „Little Britain“ – „Nutzlos, dumm, promisk“, so wie der SZ-Artikel die Chavs beschrieb.

Deutschlands „Cindy aus Marzahn“ ist nur ein relativ harmloses Abbild dieser Vicky. Aber der Wind weht hier in eine ähnliche Richtung, wie das Buschkowsky-Zitat beweist. Wer die Prolls beleidigt, muss mit wenig Gegenwehr rechnen – solange er es ihnen nicht persönlich ins Gesicht sagt. Sie sind viele, aber sie sind vereinzelt. Ihnen fehlen die Empörungsinstanzen, bei denen die Medien schnell mal anrufen können, wenn sich jemand stellvertretend für die beleidigte Gruppe erregen soll. Es gibt keinen Zentralrat der Unterschichtler.
Die Linke, die sich traditionell als Verteidiger der Armen, Ausgegrenzten und Zukurzgekommenen sah, hat sich aus dieser Rolle längst verabschiedet. Sie nimmt den deutschen Prolos übel, dass sie in ihrer Mehrheit rechts, hässlich und gewalttätig sind und leider ganz und gar nicht den ästhetischen Anforderungen entsprechen, die der liberale Mittelstand an das Kuschelsubproletariat seiner Träume stellt. Und jeder Witz, der auch in diesen Kreisen über die „Kevins mit ihrem Kampfhunden“ und ihre Sonnenstudiobräute gerissen wird, ist wohl auch eine kleine Rache für die vielen Male, wo gute Menschen abends vorsorglich auf die andere Straßenseite wechseln mussten, weil ihnen eine Gruppe Baseballkappenträger entgegenkam.

Mag ja sein, dass Buschkowsky inhaltlich Recht hat. Aber mit solchen Sprüchen wird man keinen Neuköllner Hartz-IV-Empfänger aus seiner Parallelgesellschaft heraustreiben. Sondern sie werden sich nur noch mehr in ihrer dumpfen Aggression verbarrikadieren.
 

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